9. November – Der Schicksalstag der Deutschen

08/11/2018

Der 9. November gilt als Schicksalstag der Deutschen. Warum? Weil an dem Tag sehr viel passiert ist, das Deutschland zu dem gemacht hat, das es heute ist. Vor fast 30 Jahren wurde sogar diskutiert, den 9. November zum Nationalfeiertag zu machen. Warum er es doch nicht wurde? Weil an diesem Tag nicht nur gutes passiert ist.

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9. November

Der Schicksalstag der Deutschen

9. November 1918

Fangen wir beim 9. November 1918 an, also vor genau 100 Jahren. An diesem Tag hat die SPD die Republik ausgerufen, obwohl sie es eigentlich gar nicht wollte. Sie hat Revolution gemacht, obwohl sie eigentlich eine Revolution verhindern wollte. Das klingt verwirrend und deshalb müssen wir ein paar Jahre zurückgehen – genauer gesagt ins Jahr 1914.

Damals, kurz vor Beginn des 1. Weltkrieges, als auch schon absehbar, dass ein Krieg unmittelbar bevorsteht, war die SPD die größte Fraktion im deutschen Reichstag. Zur Erinnerung: Deutschland war damals noch das Deutsche Kaiserreich, der Kaiser hier Wilhelm II. Die Reichsregierung war direkt dem Kaiser unterstellt und nicht dem Parlament. Im Prinzip hatte das Parlament auch nur sehr wenig zu sagen – Gesetze, die es verabschiedete, mussten erst von Regierung und Kaiser bestätigt werden.

Aber ein bedeutendes Recht hatte das Parlament dann doch. Es entschied über den Haushalt, also die Finanzen. Und so war es auch kurz vor dem Krieg, denn das Parlament sollte den Kriegskrediten für den Kaiser und die Regierung zustimmen.

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Nun war es aber so, dass die SPD eigentlich eine extrem pazifistische Partei war. Sie hat sich seit Jahrzehnten immer für den Frieden eingesetzt und Antikriegsdemonstrationen organisiert. Einige SPD-Politiker, darunter die bekannte Rosa Luxemburg, haben sogar zu Gehorsamsverweigerung aufgerufen. Die Reichsregierung hatte deshalb den Plan, direkt nach Kriegsbeginn die SPD-Führung zu verhaften.

Gleichzeitig herrschte beim Volk (und damit bei den Wählern) große Kriegsbegeisterung. Um die Wähler nicht zu verprellen und um der Verhaftung zu entgehen (und sicherlich spielte auch eine Rolle, dass es gegen der verhassten russischen Zaren ging), hat auch die SPD-Fraktion für den Krieg gestimmt. Hier muss man betonen, dass alle SPD-Abgeordneten für den Krieg gestimmt haben – auch die, die immer noch gegen den Krieg waren, aber auch damals gab es schon die Fraktionsdisziplin.

Es ging aber ein erster Riss durch die Partei, der 1917 schließlich so groß war, dass sich der linke Flügel abspaltete und in einer neuen Partei aufging, der USPD. Wahrscheinlich um es uns noch ein bisschen komplizierter zu machen, nannte sich die verbliebene SPD auch um, und zwar in MSPD.

Die Spaltung der SPD während dem Krieg ist deshalb wichtig, weil beide Parteien am 9.11.18 eine große Rolle spielen.

Spulen wir ein bisschen vor, zum 30. Oktober 1918

Das Deutsche Kaiserreich ist inzwischen keine konstitutionelle Monarchie mehr, sondern eine parlamentarische Monarchie. Das bedeutet: Die Regierung ist nicht mehr dem Kaiser unterstellt, sondern dem Parlament und die MSPD ist an der Regierung beteiligt.

MSPD-Chef Friedrich Ebert, dessen eigentliches Ziel immer noch eine Republik (also ein Staat ohne Kaiser und Könige) ist, will diesen Zustand aber so lange beibehalten, bis eine Verfassungsgebende Versammlung sich zwischen Monarchie und Republik entscheidet. Was er auf keinen Fall will, ist eine Revolution.

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Es kam aber anders

Als am 30.Oktober, also gefühlte 5 Minuten vor Kriegsende, beschloss die Marineleitung in Kiel, die gesamte Hochseeflotte nochmal in eine Seeschlacht gegen die Briten zu senden – damit handelte sich übrigens ganz klar gegen die neue Reichsregierung, die ja Friedensverhandlungen wollte.

Die Matrosen jedoch weigern sich, in die letzte Schlacht zu ziehen, weil sie wissen, dass das ein Himmelfahrtskommando wäre und sie mit großer Wahrscheinlichkeit sterben würden.

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Sie meutern und innerhalb sind die Marineleitung und ganz Kiel unter ihrer Gewalt. Sie schließen sich dabei mit den Arbeitern, von denen es in Kiel wegen der Werften sehr viele gibt, zusammen und organisieren sich in Soldaten- und Arbeiterräten. Schon in den nächsten Tagen griff die Revolution auf anderen deutschen Städte über.

Friedrich Ebert sah das als Gefahr. Arbeiter, die gewaltsam die Kontrolle übernehmen, das erinnerte ihn ganz stark an den russischen Bolschewismus und das wollte er verhindern. Er wollte keinen gewaltsamen Umsturz. Er wollte einen Umbruch, der von der ganzen Gesellschaft getragen wird.

Da die Revolution vor allem von Arbeitern und Soldaten ausging, war die USPD, also der linke Flügel der ehemaligen SPD, der natürliche Verbündete der Aufständigen. Die USPD hatte das Ziel, dem russischen Vorbild zu folgen und aus Deutschland eine Räterepublik zu machen.

Aber auch die MSPD sah sich als natürlicher Vertreter der Arbeiterklasse und hat natürlich auch versucht, die aufständischen Arbeiter hinter sich zu versammeln und hat deshalb auch bei Demonstrationen und Streiks mitgemacht. Sie war aber immer auf eine Mäßigung bedacht und hat immer versucht, die Situation nicht eskalieren zu lassen.

Am 9.11.1918 kam es dann zum Showdown zwischen MSPD und USPD

In Berlin war eine Großstreik der Arbeiter mit Kundgebungen und Demonstrationen geplant, was großes Konflikt- und Gewaltpotential hatte. Friedrich Ebert versuchte daher, ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er zwang den Reichskanzler regelrecht dazu, dafür zu sorgen, dass der Kaiser abdankt.

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Und was macht der Reichskanzler? Er verkündet einfach, dass der Kaiser abgedankt hat, ohne dass dieser davon weiß. Weil der aber kaum Sympathien mehr hat, ist das auch egal. Der Kaiser ist weg.
Gleichzeitig tritt er auch Druck von Ebert selbst ab und macht diesen zum neuen Reichskanzler.

Aber die Demonstranten, die in Berlin streikten, hat das nicht sehr beeindruckt. Sie machen einfach weiter. Im Gegenteil. Karl Liebknecht, einer der führenden Köpfe der USPD, hat sogar den Plan, an diesem Tag die sozialistische Republik ausrufen.

Das erfährt auch Philipp Scheidemann. Als damals stellvertretender MSPD-Vorsitzender hat er die Auffassung, dass sie dich MSPD an die Spitze der Bewegung stellen soll und man die Deutungshoheit über die Revolution auf keinen Fall der USPD überlassen darf. Er will daher auf keinen Fall, dass die USPD die ersten sind, die die Republik ausrufen – und noch dazu eine sozialistische. Deshalb tritt er kurzerhand selbst auf einen Balkon des Reichstags und ruft die Republik aus.

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Das alles geschieht ohne Absprache mit Friedrich Ebert, der ja die Wahl der Staatsform einer verfassungsgebenden Nationalversammlung überlassen wollte.

Aber nun war es raus und ließ sich nicht mehr umkehren.

Aber das muss man sich trotzdem nochmal vergegenwärtigen:

Die MSPD um Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann will keine Revolution. Sie tut alles dafür, dass die Revolution nicht in Gewalt ausartet. Und doch sind sie es, die Revolution machen. Sie setzen quasi den Kaiser ab, ohne dass der davon weiß. Sie machen sich selbst zum Reichskanzler. Und das wichtigste: Sie erklären einfach so das bisherige politische System für beendet und sagen, dass Deutschland von nun an eine Republik ist.

Und das alles nur, um eine sozialistische Republik nach russischem Vorbild zu verhindern, was ihnen auch gelingt, denn obwohl Karl Liebknecht kurz danach ebenfalls die Republik ausruft, wissen wir heute, dass das Ergebnis keine Räterepublik sondern die Weimarer Republik ist.

Der 9. November ist also der Tag, an dem Deutschland zur Republik wurde. Wenn das kein Grund für einen Nationalfeiertag ist, zumal am 9. November auch noch die Mauer gefallen ist.

Vor allem der Mauerfall war zur Zeit der Wiedervereinigung eines der größten Argumente, den 9. November zum Nationalfeiertag zu machen. Dass er es aber doch nicht wurde, liegt daran, dass am 9. November auch noch zwei schreckliche Ereignisse passiert sind.

Es gibt gute Gründe gegen den Feiertag:

Zum einen am 9.11.1923, nicht nur zufällig genau 5 Jahre nach dem Ausruf der Republik. An diesem Tag fand der Hitler-Putsch statt, bei dem die damals noch relativ kleine NSDAP die bayrische Staatsregierung als Geiseln nahm und nach Berlin marschieren wollte, um dort ebenfalls die Regierung zu stürzen. Dazu kam es nicht, der Aufstand wurde noch in München blutig niedergeschlagen aber die Nazis nutzten die Ereignisse später als Feiertag bzw. Trauertag.

Zum anderen, und das wiegt noch viel schwerer, war am 9. November 1938 die Reichspogromnacht. Diese Nacht markiert den Übergang von der sozialen Ausgrenzung zur Verfolgung der Juden. Der 9.11.38 steht für den Anfang einer Entwicklung, die in der Endlösung der Judenfrage, also der systematischen Vernichtung der Juden endete.

Als es während der Wiedervereinigung um ein Datum für den Nationalfeiertag ging, haben die Verantwortlichen daher aus Respekt vor den Opfern des Nationalsozialismus entschieden, nicht den 9. November zu wählen.


November 9th – the fateful day of the Germans

November 9th is the fateful day of the Germans. Why? Because a lot happened that day that made Germany what it is today. Almost 30 years ago during the German reunification it was even discussed to make November 9th a national holiday. But they chose another day! Why? Because not only good things happened that day.

Let’s start with November 9th, 1918, exactly 100 years ago. On this day, the Social Democratic Party of Germany (SPD) proclaimed the republic, although she actually did not want it. It was a revolution, although the SPD actually wanted to prevent a revolution. That sounds confusing and that’s why we have to go back a few years – more specifically to the year 1914.

At that time, shortly before the beginning of the First World War, and already foreseeable that a war was imminent, the SPD was the largest faction in the German parliament (Reichstag). As a reminder, Germany was then still the German Empire, a constitutional monarchy with an emperor. The government was subordinated directly to the emperor and not to the Parliament. You can say that the parliament had very little to say – laws that passed it had to be confirmed by the government and the emperor.

But Parliament had one significant right. It decided on the budget of the government. And as it was shortly before the war, the parliament should agree to the war loans for the emperor and the government.

The SPD actually was an extremely pacifist party. It has worked for peace for decades and organized anti-war demonstrations. Some SPD politicians have even called for obedience. The government therefore had the plan to arrest the SPD leadership immediately after the war started.

At the same time, there was great enthusiasm for war among the people (and thus among the voters). In order not to alienate the voters and to avoid the arrest (and it certainly played a role that the war would have been against the hated Russian Tsars), also the SPD faction voted for the war. Here it must be emphasized that all SPD deputies have voted for the war – even those who were still against the war, but even then there already was the fraction discipline.

But it was a first crack through the party, which was finally so big in 1917 that the left wing split off and arose in a new party, the USPD. Probably to make it a bit more complicated for us, the remaining SPD called itself MSPD.

The splitting of the SPD during the war is important because both parties play a major role on November 9th, 1918.

Let’s hurry on to October 30, 1918.

The German Empire is now no longer a constitutional monarchy, but a parliamentary monarchy. This means that the government is no longer subject to the emperor, but to the parliament and the MSPD is involved in the government. MSPD leader Friedrich Ebert, whose real goal is still a republic (a state without emperors and kings), but wants to maintain the status until a Constituent National Assembly decides between monarchy and republic. What he definitely does not want is a revolution.

It came differently.

As on October 30, that was about 5 minutes before the end of the war, the Generals of the Marine decided to send the entire Navy Fleet again in a naval battle against the British naval line – this was, incidentally, clearly against the new government, which wanted peace negotiations.

The sailors, however, refused to go to the final battle because they knew that this would be a suicide mission and they did not want to die useless because as I said, the war was almost over.

They mutinied and within a few hours the naval line and the whole city of Kiel was under their control. They join forces with the workers, of whom there are so many in Kiel because of the shipyards, and organize themselves into soldiers‘ and workers‘ councils. In the next few days the revolution spread to other German cities.

Friedrich Ebert saw this as a danger. Workers who take control by force reminded him of Russian Bolshevism and he wanted to prevent that. He did not want a violent overthrow. He wanted a change, which was supported by the whole society.

Since the revolution was mainly workers and soldiers, the USPD, the left wing of the former SPD, was the natural ally of the insurgents. The aim of the USPD was to follow the Russian way and to turn Germany into a Soviet republic.

But the MSPD also saw itself as a natural representative of the working class and of course they also tried to assemble the insurgent workers behind it and therefore participated in demonstrations and strikes. But the MSPD was always intent on moderation and always tried not to let the situation escalate.

On November 9th, 1918 it came to the showdown between MSPD and USPD.

There was a large-scale strike of workers planned in the capital Berlin with rallies and demonstrations which had great potential for conflict and violence. Friedrich Ebert therefore tried to take the wind out of their sails. He literally forced the Chancellor to make sure that the emperor abdicates.

And what did the Chancellor do? He just announces that the emperor has abdicated, but the emperor did not even know about this. But because he hardly had any sympathy, that did not matter. The emperor was gone. At the same time the Chancellor also resigns and makes Ebert the new chancellor.

But that did not impress the protesters who went on strike in Berlin. They just keep going. And Karl Liebknecht, one of the leading figures of the USPD, even had the plan to proclaim the Socialist Republic on this day.

Philipp Scheidemann hears about that. As he was the deputy MSPD chairman, he believes that he should put the MSPD at the forefront of the movement and that the authority to interpret the revolution should not be left to the USPD. He therefore does not want the USPD to be the first to declare the republic – and for sure he did not want a socialist republic. Therefore, he unceremoniously steps on a balcony of the Reichstag (parliament) and proclaims the republic.

All this happens without agreement with Friedrich Ebert (the leader of the MSPD), who wanted to leave the choice of the state form to the Constitutional National Assembly.

But now it was out and there was no turn back.

But you still have to realize this:
The MSPD around Friedrich Ebert and Philipp Scheidemann did not want a revolution. They do everything to ensure that the revolution does not turn into violence. And yet it is they who make the revolution. They put down the emperor without him knowing. They make themselves Chancellor. And most importantly, they simply declare the current political system to be over and say that Germany is now a republic.

And all this just to prevent a socialist republic as they had in Russia, what they succeed, because although Karl Liebknecht also exclaims the Republic the same day, we know today that the result is not a Soviet republic but the Weimar Republic.

November 9th is therefore the day on which Germany became a republic. Isn’t that a reason for a national holiday, especially since on November 9th, 1989 was the fall of the Berlin Wall.

Actually it was especially the fall of the Berlin Wall which made the constructors of the German reunification think about making it the national holiday. But they didn’t, because on November 9, two terrible events have happened.

Good reasons not to make November 9th the National Holiday:

First, on November 9th, 1923, not just coincidentally exactly 5 years after the proclamation of the Republic. On this day, the Hitler Putsch took place, in which the then relatively small NSDAP (Hitler’s party) took the Bavarian state government as hostages and wanted to march to Berlin to overthrow the government there as well. This did not happen, the rebellion was bloodily suppressed in Munich but the Nazis later used the events as a national holiday or better: as a day of mourning.

On the other hand, and that weighs much heavier, was November 9th, 1938 the Kristallnacht. Kristallnacht was the word the Nazis used so in Germany we now call that night “pogrom night”. This night marks the transition from social exclusion to the persecution of the Jews. November 9th, 1938 is the beginning of a development that ended in the Final Solution of the Jewish Question, which means the systematic annihilation of the Jews.

I think that is a very good reason not to make November 9th a national holiday and that is why the constructors of the German reunification decided to make October 3rd to our national holiday – the day of the reunification.

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