Der Influencer Fluch und warum er mich bis zur Bachelor-Arbeit verfolgt hat

23/02/2018

Hätte man mich vor ein paar Jahren gefragt, ob ich mein Dasein als Blogger irgendwie in meiner Bachelor-Arbeit thematisieren wollen würde, hätte ich wahrscheinlich gelacht. Nicht mal im Ansatz – Auf keinen Fall – Niemals.

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Der Influencer Fluch

warum mich das bis zur Bachelor-Arbeit verfolgt

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Ich habe im Laufe meines Studiums oft über meine Abschlusskollektion nachgedacht. Überlegt, welches Thema ich für diese so wichtige Arbeit nehmen könnte. 6 Semester lang dachte ich, ich hätte ein für mich passendes Thema gefunden. Dem war leider nicht so und so begann das Chaos.

Hätte man mich vor ein paar Jahren gefragt, ob ich mein Dasein als Blogger irgendwie in meiner Bachelor-Arbeit thematisieren wollen würde, hätte ich wahrscheinlich gelacht. Nicht mal im Ansatz – Auf keinen Fall – Niemals.

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Mein Dasein als Blogger hatte nicht nur Vorteile.
Im Gegenteil.

Schon bevor das „Influencer Bashing“ so richtig in Mode kam, hatten Influencer in der elitären Modebranche keine Daseinsberechtigung. Als Werbeplattform sind sie zwar akzeptiert, aber sicher nicht als ernstzunehmende Kreativschaffende. Sie sind mehr ein Übel, mit dem man sich nun mal arrangieren muss, um als Unternehmen im Gespräch zu bleiben.

In der Uni wurde ich zunächst belächelt, nicht ernstgenommen, instrumentalisiert und sogar vor dem gesamten Kurs beleidigt. Nicht mal so sehr von den Studenten – sondern von Dozenten. Ich musste ständig beweisen, dass mehr in mir steckt als nur ein Blogger – das ist mir zwar immer gelungen, aber die Tatsache, dass sie schon mit Vorurteilen ins Gespräch gingen, war ermüdend. Immer wieder hat man mir das Gefühl gegeben, dass Kunst und Blogs nicht zusammenpassen. Dass Designer sich nicht selbst darstellen dürfen. Das zeigte sich nicht zuletzt, als ein Designer mich als Praktikant ablehnte, ohne auch nur eine einzige Arbeit von mir gesehen zu haben – mit der Begründung „man wolle hier keine Blogger.

Es ist schade, dass ich teilweise nicht ernst genommen werde, und ich gebe ehrlich zu, dass es an mir nagt.

Als wäre mir all das hier einfach zugeflogen. Die Tatsache, dass ich meinen ersten Blog 2007 gegründet und mir seitdem mit viel Arbeit eine treue Leserschaft aufgebaut habe, scheint niemanden zu interessieren. Dass ich 80% der Kooperationsanfragen, die ich bekomme, ablehne, weil ich eben nicht für alles Werbung mache – und das, obwohl ich die Studienkosten in Höhe von über 30.000 Euro komplett alleine stemme. Man scheint zu vergessen, dass man nicht alle über einen Kamm scheren sollte und sich generell ein bisschen mehr mit dem Thema auseinandersetzen muss, bevor man mit den Mistgabeln losmarschiert. Alle Blogger sind zwar Influencer – Aber nicht alle Influencer sind Blogger. Ich mag es nicht, wenn mich jemand als „Influencer“ bezeichnet.
Denn ich würde mich selbst nicht darauf reduzieren.

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Was ist ein
Influencer?

Alles und nichts. Da werden Blogger, Vlogger, Instagrammer und It Girls in einen Topf geworfen. Es sind scheinbar die, die ohne Talent und Können viel Geld verdienen und Urlaub auf Kosten anderer machen. Wenn ich mir die Kommentare teilweise anschaue, bin ich gelangweilt davon, wie wenig reflektiert die Menschen diesen Begriff und damit Tausende Menschen verteufeln. Spätestens bei dem lustigen Wortspiel „Influenza“ muss ich gähnen.

Ich denke, man sollte für die Allgemeinheit den Begriff des Influencers ein bisschen näher erklären, denn gerade in Deutschland versteht man darunter etwas anderes als es die Definition beschreibt.

Der Begriff geht auf den amerikanischen Psychologen und Wirtschaftswissenschaftler Robert Cialdini zurück, der schon 2001 schrieb, dass Menschen sich sehr leicht von sogenannten Influencern beeinflussen lassen. Wichtige Eigenschaften für den Influencer sind nach Cialdini die soziale Autorität, Vertrauenswürdigkeit, Hingabe und konsistentes Verhalten. Früher waren das Schauspieler, Sänger, Sportler, Stars. In Zeiten von Youtube, Facebook und Instagram kann aber jeder zum Influencer werden.

Influencer ist also jeder, der auf irgendeine Weise andere Menschen beeinflusst und nicht nur die, die allein durch ihre Präsenz in den sozialen Medien berühmt geworden sind. Wenn also ein Elias M’Barek über Influencer lästert, spricht er auch über sich selbst. Laut einer Studie der Hochschule Macromedia in Zusammenarbeit mit der Werbeagentur Webguerillas war bereits 2011(!) jeder 11. Deutsche ein Influencer. Influencer sein heißt also im klassischen Sinne nicht unbedingt, eine große Reichweite auf Social Media, sondern Einfluss auf andere Menschen zu haben. Wenn du in deinem Freundeskreis der Musik- oder Film-Nerd bist und deine Freunde auf deinen Rat vertrauen, bist du Influencer!

Lange Rede, kurzer Sinn. Jeder kann heutzutage ein Influencer sein und nicht jeder Influencer verdient Geld mit seinem Influencer-Dasein. Manche Menschen haben einfach einen gewissen Einfluss auf eine gewisse Anzahl von Menschen. Natürlich gibt es Fake-Follower, Schleichwerbung und einen übersättigten Markt an Proteinpulver-Markenbotschafter.
Aber darum geht es hier nicht.

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Warum ich euch
das alles erzähle?

Weil mein Bachelor-Prüfer mich in unserem ersten Gespräch auf mein Dasein als Blogger angesprochen hat.
Ich schätze ihn als Designer und Dozent sehr und befürchtete, dass er mich in eine Schublade steckt*. Also folgte eine lange ausschweifende Rede voller Rechtfertigungen (s.o.), warum ich mit diesem Blog begann und wie ich da reingerutscht bin, dass ich seit einigen Jahren unzufrieden über die ganze Entwicklung bin, aber man eben nicht alle über einen Kamm scheren könne. Dass ich eine Plattform habe, die man auch als angehender Designer oder Künstler nutzen kann.

Er hörte mir zu, verstand mein Problem. „Das ist dein Thema!“
Ich wollte mich dagegen wehren.
Alles – alles aber bloß kein Influencer Thema.
Innerlich wusste ich aber, dass er Recht hatte. Hier habe ich wenigstens etwas zu erzählen. Hier habe ich die Chance, dem Begriff neue Bedeutung zu geben.

*Das hatte er bereits, wie er in meinem Abschlussgespräch zugab.

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During my studies, I often thought about my graduation collection, especially which topic I could take for this important work. For six semesters I thought I had already found a suitable topic for me. Unfortunately, that was not the case and so the chaos began.

If someone had asked me a few years ago if I would like to discuss my existence as a blogger somehow in my bachelor thesis, I would probably have laughed. Not even in the beginning – by no means – never.

My life as a blogger not only had advantages.
On the contrary.

Even before the „Influencer Bashing“ came into fashion, influencers in the elite fashion industry had no right to exist. Although they are accepted as an advertising platform, they are certainly not considered to be serious creators. They are more of an evil that one has to come to terms with in order to stay in business as a company.

At university, I was initially ridiculed, not seriously taken, instrumentalized and even insulted in front of the entire course – not so much by the students, but by the lecturers. I constantly had to prove that I am more in it than just a blogger. I’ve always managed to do that, but the fact that they were already prejudiced when we met was tiring. Time and again, I was given the feeling that art and blogs do not match and that designers are not allowed to present themselves. This was shown not least when a designer rejected me as an intern without even having seen a single work from me- on the grounds that “they do not want any bloggers here”.

It is a pity that sometimes I am not taken seriously and I honestly admit that it gnaws at me, as if all this had simply come to me. The fact that I founded my first blog in 2007- and since then I have built up a loyal readership with a lot of effort- does not seem to interest anyone and that I reject 80% of the cooperation requests that I receive, because I do not advertise for everything, and that, even though I pay the study costs of more than 30.000 € completely alone. One seems to forget that no one should lump all together and generally have to deal with the topic a bit more before starting with the pitchforks. Indeed, all the bloggers are influencers- but not all influencers are bloggers. I do not like it when someone calls me an “influencer”, because I would not reduce myself to it.

But what is an influencer?
Anything and nothing. Bloggers, vloggers, instagramers and It girls are lumped together. It seems they are those who, without any talent and skills, earn a lot of money and spend their holidays at the expense of others. If I look at the comments in part, I’m bored of how people demonize this term with little consideration and thus thousands of people. At the latest at the funny pun “influenza” I have to yawn.

I think one should explain the term of the influencer a bit more for the general public, because in Germany one understands something else than the definition describes.

The term goes back to the American psychologist and economist Robert Cialdini, who wrote in 2001 that people get very easily influenced by so-called influencers. Key features for the influencer, according to Cialdini, are social authority, trustworthiness, dedication and consistent behavior. In the past, they were actors, singers, athletes, stars. In times of Youtube, Facebook and Instagram everyone can become an influencer.

In other words, the influencer is anyone who somehow influences other people, not just those who have become famous through their social media presence alone. So when Elias M’Barek blasphemes about influencers, he also talks about himself. According to a study by the Macromedia University of Applied Sciences in cooperation with the advertising agency Webguerillas, every 11th German was already an influencer in 2011 (!). To be an influencer in the classical sense does not necessarily mean having a long reach on social media but influencing other people. If you’re the music or movie nerd in your circle of friends and your friends trust your advice, then you’re an influencer!

Long story short. Anyone can be an influencer these days, and not every influencer makes money with his or her influencer existence. Some people simply have a certain influence on a certain number of people. Of course, there are fake followers, surreptitious ads and a glutted market in protein powder brand ambassadors. But that’s not what it is all about here.

Why do I tell you all this?
Because my bachelor examiner addressed me as a blogger in our first conversation. I appreciate him as a designer and lecturer very much, but I feared that he would put a label on me. He had already done that, as he admitted in my final interview. So a long-winded talk full of justifications (see above) followed why I had started with this blog, how I slipped in there and that I have been dissatisfied with the whole development for a few years, but you just can’t lump all together and that I have a platform that can be used by a budding designer or artist and so on.

He listened to me and understood my problem. „That’s your topic“
I wanted to defend myself against it. Anything – but not just an influencer topic.
Inwardly, I knew that he was right. At least I have something to tell here.

2 Comments

  • 4 Monaten ago

    Sehr schön geschrieben, lieber Frank. Influencer-Bashing ist so nervig. Dabei finde ich es schön, wenn man von Menschen/Bloggern/Stars eine ernst gemeinte Empfehlung bekommt, wenn sie eben authenthisch ist. Wenn man eben nicht das Gefühl hat, dass die Werbung nur wegen des Geldes gemacht wird. Leider ist dieser Begriff in Verruf geraten, weil viele eben nicht authenthisch sind und ihre Werbung entweder nicht korrekt kennzeichnen, noch sich richtig Mühe geben.
    Ich für meinen Teil, lasse mich gerne von dir beeinflussen 😉

  • Jen
    1 Monat ago

    Ich glaube eine der Problematiken heutzutage ist die Intransparenz der gesamten Influencer Branche, angefangen bei der Kennzeichnung von Werbung, bei der niemand mehr durckblickt, bis hin zu inkohärenten und ungerechtfertigten Posting-Preisen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Branche von großen Medienkonzernen oftmals belächelt wird, da Influencer den Posten eingenommen haben, den einst die Medienhäuser hatten, aber es selbst einfach versäumt haben nachzuziehen und Influencer infolgedessen belächeln anstatt sie ernstzunehmen und als das anzuerkennen, was sie für die Medienhäuser sind: Konkurrenz.
    Mich interessiert deine Thesis ungemein – gerne würde ich sie lesen, falls du sie mir zukommen lassen magst. Liebe Grüße! Jen

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