Schauspieler und Homosexualität – Warum es für schwule Schauspieler so schwer ist, sich zu outen

22/06/2018

Nachdem sich letzte Woche ein deutscher Schauspieler als schwul geoutet hat, habe ich mir die Frage gestellt, warum es gerade in dieser Branche für schwule Schauspieler (und auch homosexelle Schauspielerinnen) so schwer ist, offen mit der eigenen Sexualität umzugehen. Dafür habe ich auch mit einem Freund gesprochen, der als Regisseur Teil der Filmbranche werden will und sich Gedanken macht, wie offen er mit seiner Sexualität umgehen soll.

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Schauspieler und Homosexualität

Warum es für schwule Schauspielern
so schwer ist, sich zu outen

In den letzten Jahren wurde Homosexualität in Filmen und Serien immer häufiger aufgegriffen. Es gibt kaum eine Highschool-Serie, in der nicht mindestens ein Charakter schwul ist. Gute Serien und Filme schaffen es sogar, diese Figuren sehr vielschichtig zu zeichnen und nicht mehr nur wie den Mensch gewordenen Christopher-Street-Day wirken zu lassen. Und sogar Filme, die in erster Linie LGBT-Themen behandeln, sind keine reinen Nischen-Projekte von kleinen Produktionsfirmen mehr, sondern werden von großen Filmriesen produziert – wenn auch meist mit kleinem Budget.

Trotzdem ist auffällig, von wem die schwulen Charaktere in aller Regel gespielt werden, nämlich von (zumindest offiziell) heterosexuellen Schauspielern. Armie Hammer und Timothée Chalamet in Call Me By Your Name, Jake Gyllenhaal und Heath Ledger in Brokeback Mountain, aber auch Joseph Gordon-Levitt in Mysterious Skin, River Phoenix in My Own Private Idaho, Daniel Day-Lewis in Mein wunderbarer Waschsalon und Eddie Redmayne in Danish Girl sind nur einige Beispiele. Es wirkt, als ob Schauspieler, die ernst genommen werden wollen, zumindest einmal in ihrer Karriere einen schwulen Charakter gespielt haben müssen.

Dass also schwule Schauspieler heterosexuelle Rollen spielen, ist hingegen offensichtlich ein Problem. Zum einen gibt es ohnehin nur wenige bekannte offen schwule Schauspieler – Ian McKellen, Zachary Quinto, Neil Patrick Harris und inzwischen Kevin Spacey sind noch die bekanntesten, die mir einfallen – allerdings ist keiner von ihnen in der selben Liga wie Benedict Cumberbatch, Tom Hanks oder Leonardo DiCaprio (die übrigens alle schon schwule Charaktere gespielt haben).

Woran liegt das?

Auch wenn die Filmbranche eigentlich eine kreative Branche ist, geht es am Ende doch darum, Geld zu erwirtschaften. Und so sind es meist die Männer im Anzug aus den Chefetagen, die bei der Besetzung ein entscheidendes Wörtchen mitreden. Schauspieler sollen nicht nur gut spielen, sondern auch durch ihren Ruf und Namen Zuschauer in die Kinosäle locken – und dabei herrscht offenbar die Meinung vor, dass heterosexuelle Schauspieler ein größeres Publikum ansprechen und heterosexuelle Rollen von offen homosexuelle Schauspielern nicht ausgefüllt werden können.

Wenn man so will kann man also sagen, dass diese Branche denkt, dass man Homosexualität überzeugend spielen kann, Heterosexualität aber nicht.

Dieses zurückgebliebene Denken ist der Grund, dass sich schwule Schauspieler, die am Anfang ihrer Karriere stehen, nicht outen. Sie wollen sich alle Möglichkeiten offen lassen und nicht auf einen bestimmten Rollen-Typ beschränkt bleiben oder bei Castings überhaupt nicht mehr beachtet werden.

So sieht das auch ein Freund von mir, der Film studiert und kurz davor steht, in die Filmbranche als Regisseur einzusteigen. Er sagt, dass das Image des Regisseurs (und damit auch seine Sexualität) Einfluss auf den Erfolg von Filmen hat und es gut sein kann, dass diese in konservativeren Märkten weniger einspielen. Daher würden es sich Studios zweimal überlegen, ob sie mit einem offen homosexuellen Regisseur arbeiten – zumal in den Management-Etagen seiner Meinung nach immer noch Homophobie herrscht, auch wenn das in den letzten Jahren besser geworden ist.

Er überlegt sich daher gut, wie offen er mit seiner Sexualität umgehen soll.

Dass das im Jahr 2018 noch traurige Realität ist, zeigt, dass die Gay Right Movements noch lange nicht am Ziel sind, auch wenn es uns – zumindest in den meisten westlichen Ländern – noch nie so gut ging wie heute.


Why is it so hard for homosexual actors to come out?

After a German actor came out of the closet last week, I asked myself why it is so difficult for men (and women) in this industry to be open about their own sexuality. For that I also talked to a friend who wants to become a part of the film industry as a director and thinks about how openly he should deal with his sexuality.

In recent years, homosexuality has become increasingly common in movies and series. There is hardly a high school series in which not at least one character is gay. Good series and films even manage to paint these characters in a very complex manner and no longer just look like the incarnated Gay Pride.
And even movies that deal primarily with LGBT issues are no longer niche projects of small production companies, but are produced by major studios – albeit mostly on a low budget.

Nevertheless, it is conspicuous by whom the gay characters are usually played: by (at least officially) heterosexual actors. Armie Hammer and Timothée Chalamet in Call Me By Your Name, Jake Gyllenhaal and Heath Ledger in Brokeback Mountain, Joseph Gordon-Levitt in Mysterious Skin, River Phoenix in My Own Private Idaho, Daniel Day-Lewis in My Beautiful Laundrette and Eddie Redmayne in The Danish Girl are just a few examples. It seems as if actors who want to be seen as serious actors have to play at least one gay character in their career.

Gay actors play heterosexual characters on the other side seems to be a problem. There are only a few well-known open-gay actors anyway – Ian McKellen, Zachary Quinto, Neil Patrick Harris and now Kevin Spacey are the most famous I can think of – but none of them is in the same league as Benedict Cumberbatch, Tom Hanks or Leonardo DiCaprio (by the way, they all have played gay characters).

Why is that?
Although the movie industry is actually a creative industry, it’s all about making money. And it’s usually the men in the suit from the executive floors which define the cast. Actors shall not only play well, they also have to draw audiences to the cinemas by their reputation and name – and the men in the suits seem to think that heterosexual actors appeal to a larger audience and heterosexual roles can not be filled by openly gay actors.

It can be said that this industry thinks that homosexuality can be played convincingly, but heterosexuality can’t.

This backward thinking is the reason why actors who are at the beginning of their careers do not come out of their closets. They want to leave all doors open and don’t want to be limited to a certain type of role or to be ignored in castings at all.

A friend of mine who studies film and is about to enter the film industry as a director thinks so, too. He says that the image of the director (and thus his sexuality) has an influence on the success of films and it may be that they are less successful in more conservative countries which has financial impacts. Therefore, studios would think twice about working with an openly homosexual director, especially as my friend says that homophobia is still common on the management floors, even though it has improved in recent years.
He therefore considers well how openly he should deal with his sexuality. The fact that this is still the sad reality in 2018 shows that the Gay Right Movements are far away from reaching their aims, even though the situation has never been so good for LGBT people as today – at least in most Western countries.

1 Comment

  • Daniel
    6 Monaten ago

    Es ist tragisch, ungerecht und ein Spiegel für die Gesellschaft. Trotz der offensichtlichen Fortschritte die hart erkämpft wurden, müssen sich Personen des öffentlichen Lebens auch außerhalb der Leinwand immernoch eine Rolle spielen um nicht ihre Karriere zu gefährden. Danke für den spannenden Artikel und die Aufmerksamkeit auf ein Thema das öffentlich mehr in die Diskussion gehört.

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