Von der Kunst leben: Wie die sozialen Medien die Rolle einnehmen, die eigentlich der deutsche Staat ausfüllen sollte

09/08/2018

Künstler sind oft die bewunderten Stars ihrer Gesellschaft. Doch dass nur die wenigsten kreativen Menschen von ihrer Kunst leben können, vergisst man da schnell. Wo der Staat in seiner Unterstützung versagt, springen nun Plattformen wie Instagram, Tumblr und Pinterest ein und bieten Künstlern neue Wege, ihre Kunst bekannt zu machen.

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Künstler sind oft die bewunderten Stars ihrer Gesellschaft. Doch dass nur die wenigsten kreativen Menschen von ihrer Kunst leben können, vergisst man da schnell. Wo der Staat in seiner Unterstützung versagt, springen nun Plattformen wie Instagram, Tumblr und Pinterest ein und bieten Künstlern neue Wege, ihre Kunst bekannt zu machen.

Von der Kunst leben

Wie die sozialen Medien die Rolle einnehmen,
die eigentlich der deutsche Staat ausfüllen sollte

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Ich glaube, jeder Mensch ist auf irgendeine Weise kreativ. Ob man nun musikalisch ist, gut zeichnen, tanzen oder sprechen kann – jeder Mensch hat irgendein Talent. Die allermeisten machen nur nichts daraus. Wenn überhaupt, dann vielleicht ein Hobby: Sie gestalten Einladungskarten für ihre Kinder, singen vielleicht im Kirchenchor oder zeigen ihren Freunden die neuesten Shopping-Trends.

Wer mehr aus seinem Talent machen will und das Ziel hat, von seiner Kreativität den Lebensunterhalt zu bestreiten, geht ein großes Risiko ein. Es gilt ja die Faustregel, dass ein Künstler erst dann seine Kunst verkaufen kann, wenn er gestorben ist. Selbst Andy Warhol hatte seinen finanziellen Durchbruch erst, nachdem er ein Attentat mit drei Schüssen nur haarscharf überlebt hat.

Wer keine reichen Eltern oder vielleicht einen Gönner hat, hat kaum eine andere Wahl, als einem „normalen“ Job nachzugehen. Das frisst aber oft so viel Zeit, dass gar keine Zeit mehr bleibt, sich intensiv mit seiner Kunst auseinanderzusetzen und diese voranzutreiben.

Ähnlich verhält es sich mit Money Jobs, als Aufträgen, bei denen der Künstler zwar eigentlich kreativ arbeitet, diese Kreativität vom Auftragsgeber aber so sehr beschränkt wird, dass man am Ende eigentlich nur noch Vorgaben ausführt, ohne selbst kreativ zu sein.

Wir sehen das in unserem Freundeskreis immer wieder.

Sei es der Fotograf, der eigentlich gerne künstlerische Editorials schießen würde, aber um das zu finanzieren regelmäßig die Produkte von großen Unternehmen ablichtet, damit diese in Katalogen oder Broschüren zu sehen sind – da geht die Kreativität gegen Null und Kunst ist das schon drei Mal nicht.
Oder der DJ, der gerne in kleinen Underground-Clubs seine selbstproduzierten Tracks auflegt, damit aber so wenig Geld verdient, dass er auf Hochzeiten Helene Fischer spielen muss, weil das Brautpaar sich das so wünscht.

Oder der Stylist, der Mode liebt, sich bei dem Magazin, für das er arbeitet, aber immer an die Vorgaben seiner Chefs halten muss, die eben lieber die neue Kollektion des größten Anzeigenkunden sehen wollen.

Sei es der Fotograf, der eigentlich gerne künstlerische Editorials schießen würde, aber um das zu finanzieren regelmäßig die Produkte von großen Unternehmen ablichtet, damit diese in Katalogen oder Broschüren zu sehen sind – da geht die Kreativität gegen Null und Kunst ist das schon drei Mal nicht.

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Oder der DJ, der gerne in kleinen Underground-Clubs seine selbstproduzierten Tracks auflegt, damit aber so wenig Geld verdient, dass er auf Hochzeiten Helene Fischer spielen muss, weil das Brautpaar sich das so wünscht.

Oder der Stylist, der Mode liebt, sich bei dem Magazin, für das er arbeitet, aber immer an die Vorgaben seiner Chefs halten muss, die eben lieber die neue Kollektion des größten Anzeigenkunden sehen wollen.

Diese Beispiele zeigen das große Dilemma der kreativen Menschen:

Geld lässt sich fast nur mit Mainstream-Kunst verdienen.

(Wobei man Kunst hier eigentlich in Anführungszeichen setzen müsste.)

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Es ist kein Zufall, dass Dan Browns „Origin“ eines der meistgekauften Bücher 2017 war (Marcel Reich-Ranicki würde sich weigern, dieses Buch zu lesen), oder das erfolgreichste Lied in den deutschen Charts „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ von DJ Ötzi ist. Die Vogue unterstützt Designer wie Vladimir Karaleev und Lara Krude, doch richtig erfolgreich sind Guido Maria Kretschmer und Harald Glöckler, die jetzt nicht unbedingt dafür stehen, anspruchsvolle Mode zu machen.

Ich will jetzt nicht sagen, dass „die Deutschen“ keinen Geschmack haben. Ich denke eher, dass sie Kunst als etwas sehen, das zwar da ist und sie finden eigentlich auch gut, dass es sie gibt, aber sie setzen sich damit nicht gerne auseinander. Dazu ist ihnen ihre Zeit zu schade. Und ihr Geld. Mal ehrlich, wer hat zu Hause an der Wand ein Bild von einem echten Künstler hängen? Heutzutage findet man eher Bilder von Ikea, auf denen „Home Sweet Home“ steht. Dafür ist das Geld dann wieder da…

Grund dafür ist nach meinem Empfinden auch, dass der deutsche Staat nicht genug tut, um die Kunst zu fördern. Klar, es werden Unmengen an Steuergeldern für Museen, Theater und Orchester ausgegeben (was sicherlich auch seine Berechtigung hat), aber nicht nur die Hochkultur ist förderungswürdig! Bei allem, das darüber hinausgeht, passiert viel zu wenig! Seien es fehlenden Proberäumen für Musiker, zu hohe Auflagen bei Konzerten, ein nicht-zeitgemäßes Urheberrecht, das Musikproduzenten und Youtuber in ihrer Kreativität einschränkt. Auch staatliche (und damit Studiengebühr-freie) Studiengänge beispielsweise in den Bereichen Mode-Design, Pop-Musik oder Filmproduktion gibt es viel zu wenig oder gar nicht. Damit wird vielen, die gerne in diese Richtung studieren würden, die Möglichkeit genommen, dies zu tun beziehungsweise sie gehen ins Ausland und bleiben dort auch meist.

Die Mode nimmt hier nochmal eine ganz eigene Rolle ein. In Frankreich und Italien arbeitet der Staat seit Jahrzehnten eng mit der Modeindustrie zusammen, in Deutschland hat es bis zum Jahr 2018 gedauert, bis Vertreter der Modebranche einen Termin im Bundeskanzleramt hatten (Vertreter anderer Industrien hingegen gehen da ein und aus) und darüber gesprochen haben, wie man das Kulturgut Mode stärken kann. Bis auf Absichtserklärungen ist aber auch dabei nicht viel herausgekommen.

Hier möchte ich die sozialen Medien ins Spiel bringen. Sie nehmen momentan die Rolle ein, die eigentlich der Staat spielen sollte, denn Instagram, Tumblr, Pinterest, Youtube und Co sind zu Plattformen geworden, die Künstlern eine Bühne geben.

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Hier haben Fotografen, Videografen, Creativ Directors, Maler und Zeichner, Sänger und so weiter die Möglichkeit, ihr Können einem großen Publikum zu zeigen und direkt Reaktionen zu bekommen. Damit verdienen sie zwar nicht unbedingt Geld, aber für viele dient es als Sprungbrett, um bei einem Unternehmen zu landen, manche finden vielleicht einen finanziellen Unterstützer und manch einem gelingt es sogar, sich so einen großen Namen zu machen, dass sie von ihrer Kunst direkt leben können.

Aber auch hier legt der Staat wieder unnötige Hindernisse in den Weg, wie beispielsweise das berühmt-berüchtigte Urteil des Landgerichts Berlin, das von Influencern verlangt, jede noch so kleine Verlinkung oder Markennennung als Werbung zu kennzeichnen. Ein rein deutsches Phänomen, in anderen Ländern gibt es so etwas nicht.

Für Künstler war es noch nie so einfach, ein großes Publikum zu erreichen, wie heute. Gerade weil in Deutschland von staatlicher Seite zu wenig Unterstützung kommt, sollten sie die Möglichkeiten nutzen, die ihnen die sozialen Medien bieten und mit viel Arbeit und etwas Glück kann es jeder kreative Mensch schaffen, von seiner Kunst zu leben.

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Illustrationen: Ronja Keifer


Making a living from one’s art
How social media plays the role which was supposed to be filled by the German state

Artists are often the admired stars of their society. But it’s easy to forget that only very few creative people can live from their art. Where the state fails in its support, platforms such as Instagram, Tumblr, and Pinterest are jumping in, giving artists new ways to promote their art.

I think everyone is creative in some way. Whether you are musical, good at drawing, dancing or talking – every person has some talent. The vast majority just do not care. If anything, it may be a hobby: you can design invitation cards for your children, sing in the church choir or show your friends the latest shopping trends.

Those who want to make more of their talent and have the goal of making a living from their creativity are taking a huge risk. The rule of thumb is that an artist cannot sell his art until he dies. Even Andy Warhol only made his financial breakthrough after surviving a three-shot assassination.

If you do not have rich parents or maybe a patron, you have little choice but to pursue a „normal“ job. However, this often eats up so much time that there is no time to deal intensively with one’s art and to drive it forward.

The same is true of money jobs, as jobs where the artist actually works creatively, but this creativity is so limited by the client, that in the end, you actually only execute specifications without being creative yourself.

We see this in our circle of friends again and again.
For example, the photographer, who would really like to shoot artistic editorials, but in order to finance this, he regularly shoots the products of large companies, so that they can be seen in catalogs or brochures – that has nothing to do with art. Or the DJ who likes to play his self-produced tracks in small underground clubs, but earns so little money that he has to play Helene Fischer at weddings, because the bridal couple wants it that way. Or the stylist who loves fashion has to stick to the magazine he works for, but always has to adhere to the guidelines of his bosses, who would rather see the new collection of the largest advertising customer.

These examples show the great dilemma of creative people: money can only be earned with mainstream art. Whereby you have to put art in quotation marks.

It is no coincidence that in Germany Dan Brown’s „Origin“ was one of the best-selling books of 2017 (Marcel Reich-Ranicki would refuse to read this book), or the most successful song on the German charts „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ by DJ Ötzi. Vogue supports excellent German designers like Vladimir Karaleev and Lara Krude, but Guido Maria Kretschmer and Harald Glöckler are the ones who are most successful, and they are not necessarily the ones who stand for demanding fashion.

I do not want to say that „the Germans“ have no taste. I rather think that they see art as something that is there, and they actually think it’s good that they exist, but they do not like to deal with it. Their time is too precious for them. And their money. Honestly, who has a picture of a real artist hanging on the wall at home? Nowadays you can rather find pictures from Ikea, where „Home Sweet Home“ is written on.

In my opinion, the reason for this is that the German state does not do enough to promote the arts. Sure, tons of taxpayers‘ money are spent on museums, theaters and orchestras (which certainly has its justification), but not only the high culture is eligible! With everything that goes beyond that, far too little happens! Be it the lack of rehearsal rooms for musicians, too many restrictions at concerts, a non-contemporary copyright that restricts music producers and Youtubers in their creativity. There are even far too few degree programs, for example, in the fields of fashion design, pop music or film production. So many people who would like to study in this direction are deprived of this opportunity or they go abroad and mostly stay there.

Here fashion takes again a very special role. In France and Italy, the state has been working closely with the fashion industry for decades. In Germany, it took until 2018 for fashion representatives to make an appointment at the Federal Chancellery (representatives of other industries, on the other hand, come in and out), how to strengthen the cultural asset fashion. Except for declarations of intent, however, not much has come out.

Here I want to bring social media into play. They are currently taking on the role which the state should play, as Instagram, Tumblr, Pinterest, Youtube, and Co have become platforms that provide artists a forum.

Here photographers, videographers, creative directors, painters and draughtsmen, singers and so on have the opportunity of showing their skills to a large audience and get direct reactions. While this does not necessarily earn them money, it serves as a springboard for many to land at a company, some may find a financial backer and some even manage to make such a big name that they are able to live directly from their art.

But here again, the state puts unnecessary obstacles in the way, such as the infamous judgment of the district court of Berlin, which demands German influencers to mark every little linking or branding as advertising. A purely German phenomenon, in other countries there is no such thing.

For artists it has never been so easy to reach a large audience as today. Precisely because there is not enough support from the state in Germany, they should use the opportunities offered by social media and with a lot of work and luck, every creative person can make a living from his art.

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