Mit dem Beginn des neuen Jahres kehren wir zurück zur Selbstoptimierung. Von Zeitschriften Covern und Instagram Feeds lächeln uns gute Vorsätze entgegen. Sportlicher wollen wir sein, gesünder, erfolgreicher, besser. Ein besserer Vater, ein besserer Sohn, Freund, Partner, Ehemann – kurz: eine bessere Version unserer selbst.

Doch der individuelle Wunsch nach Selbstverbesserung und Identität ist kein isoliertes Einzelwerk, dem wir frei von jeglicher gesellschaftlicher Idealvorstellung Folge leisten. Moderne Gesellschaftsstrukturen suggerieren Männern wie Frauen, dass alles möglich ist; Dass wir sein können, wer wir wollen, denn schließlich haben wir die Wahl. Karriere, Kinder, Sexualität: Alles kein Problem. Es hängt an uns, die richtigen Entscheidungen zu treffen im großen Pool der Lebensoptionen.

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„Wann ist ein Mann ein Mann?“

Es ist Zeit für eine neue Art von Männlichkeit

Gerade für Männer der heutigen Generation scheint diese Art von Freiheit Männlichkeit neu zu definieren. Mann sein bedeutet nicht mehr ausschließlich dem stereotypen Bild vom starken Alpha-Männchen zu entsprechen, das mit Muskelkraft und Köpfchen die Familie ernährt und dabei vor lauter Testosteron unfähig ist, Gefühle zu zeigen oder Ängste zu artikulieren.

Der moderne Mann befindet sich im Wandel.
Er entspricht immer weniger dem Archetyp.

Wirft man einen Blick in unsere Gesellschaft, so scheint Männlichkeit vielfältiger geworden zu sein. Immer mehr Väter nehmen Elternzeit in Anspruch und stehen für Chancengleichheit der Geschlechter ein. Maskulinität außerhalb heteronormativer Ideale erfährt mehr und mehr rechtliche Akzeptanz, wie nicht zuletzt die Errungenschaft der gleichgeschlechtlichen Ehe 2017.

Doch warum benutzen wir auch im Jahre 2019 noch immer Schimpfworte wie „schwul“, oder „pussy“, wenn es darum geht, Männer oder Handlungsweisen zu verunglimpfen, die nicht „männlich“ genug sind? Warum scheint es noch immer eine ganz bestimmte Auffassung von Maskulinität zu geben, anhand derer sich moderne Männlichkeit misst und orientiert? Was bedeutet es heute wirklich, ein Mann zu sein?

Folgt man Soziologen wie Raewyn Connell, dann ist Männlichkeit eine soziale Konstruktion. Männlichkeit ist also mehr als nur Biologie, sondern wird sozial erlernt. Mann-Sein darf demnach nicht nur als angeborene Eigenschaft verstanden werden, sondern vielmehr als gesellschaftlicher Prozess, der Männlichkeit mit bestimmten Eigenschaften assoziiert.

Natürlich entsteht daraus nicht nur eine singuläre Form von Maskulinität, aber mitunter eine, die dominanter ist als alle anderen. Eine Art maskuliner Mainstream, den Connell als „hegemoniale Männlichkeit“ bezeichnet. Wie der Begriff „hegemonial“ schon andeutet, nimmt dieser maskuline Mainstream die Vorherrschaft über andere Formen von Männlichkeit und Weiblichkeit ein und positioniert sich somit an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie.

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Francesco Maria Morettini von der Universität Cambridge argumentiert, dass sich die charakterlichen Kern-Attribute eines solchen Hegemonialen Mannes über Raum und Zeit hinweg gleichen: Stark sollte er sein, sich nicht emotional verletzlich zeigen, erfolgreich sein, wettbewerbsfähig und heterosexuell.

Machen diese Eigenschaften also einen Mann zum Mann? Wahrscheinlich werden viele Männer an dieser Stelle widersprechen und doch wird der ein oder andere schon einmal den sozialen Druck verspürt haben, mit dieser Idee von Maskulinität konform zu sein.

Stellen wir uns der Einfachheit halber eine Schulklasse vor.

Dort gibt es eine kleine Gruppe von Jungen, die sich als Anführer positionieren. Der stereotype „Bully“, der seine Machtposition notfalls auch mit Gewalt verteidigt und Mädchen und Jungen ausgrenzt, die anders sind als er. Umringt wird er, nach Connells Theorie, meist von einer Gruppe von Komplizen, die Frauen und Männer, die nicht den Vorstellungen der Männlichkeit entsprechen, zwar eigentlich als gleichwertig betrachten, aber dennoch von den Vorteilen profitieren, die sie durch die herrschende Gruppierung erhalten.

Übertragen auf unsere heutigen Gesellschaftssysteme wird sichtbar, dass all jene Männer, die sich in diesem Machtgefälle außerhalb des hegemonialen Mainstreams befinden, oftmals noch immer Ausgrenzung und Marginalisierung erfahren. Das können schwarze Männer innerhalb einer weißen Gesellschaft sein, oder eben auch homosexuelle Männer innerhalb einer eher heterosexuell ausgerichteten Gesellschaft.

Als Mann Schwäche zu zeigen, offen über Probleme zu sprechen, oder Zuneigung zu bekunden scheint noch immer etwas zu sein, das nicht mit Männlichkeit in Verbindung gebracht wird. Das zeigen auch Studien zur männlichen Selbstmordrate, die fast drei mal so hoch ist wie bei Frauen. Psychologen begründen dies damit, dass Männer gerade deshalb stärker betroffen sind, weil die Instandhaltung männlicher Identität nicht erlaubt, Hilfe von außen anzunehmen. Spätestens dann wird diese dominante Form von Maskulinität toxisch.

Doch wie lässt sich dieses Männerbild, das auch heute noch Einfluss auf männliche Verhaltensmuster hat, durchbrechen? Redet darüber, sagt Schauspieler Justin Baldoni, der in seinem TED Talk 2017 zu einem Dialog zwischen Männern aufruft, um Maskulinität neu zu definieren.

Während Frauen im Feminismus das Vokabular gefunden haben, um über Gender-Einschränkungen zu sprechen, hinkt die Männerwelt in dieser Hinsicht noch weit hinterher, schreibt Ally Fogg im Guardian. Mann-Sein bedeute in erster Linie auch Mensch sein. Das heißt nicht, dass Männer aufhören sollen, Männer zu sein, aber es verlangt nach einer kritischen Debatte über jene Art von Männlichkeit, die über Generationen hinweg als gesellschaftlich dominante Norm akzeptiert wurde.

Männer, stellt Euch der Herausforderung, Maskulinität neu zu interpretieren. Denn auch das ist eine Eigenschaft, die einen Mann zum Mann macht.

„Nutzt jene Attribute, die Euch männlich fühlen lassen um tiefer in Euch selbst zu gehen. Eure Stärke, euren Mut, eure Toughness: Seid ihr stark genug, um verletzlich zu sein? Um andere Männer um Hilfe zu bitten?
Seid ihr stark genug um sensibel zu sein, zu weinen, wenn es Euch schlecht geht oder wenn ihr glücklich seid, obwohl Euch das schwach aussehen lässt? Seid ihr selbstbewusst genug, um den Frauen in eurem Leben zuzuhören?
Anstatt unseren Kindern beizubringen, starke Jungen und hübsche Mädchen zu sein, können wir ihnen vielleicht einfach beibringen, wie man ein guter Mensch ist?“

– Justin Baldoni –

Text: Lena von Zabern

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2 Kommentare
  1. So every alpha male is a ruthless bully? I agree with setting men free from the stereotype you described. But for me this is not masculanity, it is a poor caricature of it. Look up Frans de Waal talking about leadership among chimpanzees. Leadership and responsibility is the way to go.

  2. Ich finde ja sowieso dass diese gesellschaftlichen Zwänge die die Geschlechter aufgelegt bekommen haben total bescheuert sind. Wie muss ein Mann sich verhalten, um als Mann wahrgenommen zu werden? Wa muss er tragen? Wie muss eine Frau handeln und agieren und möglichst weiblich zu sein? Total bescheuert ! Jeder sollte so sein können wie er möchte und trotzdem so akzeptiert werden. Wir leben ja schließlich nicht mehr in der Steinzeit. Lg von http://www.misterloui.com

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