Warum die Gesellschaft vor allem in Klischees über Schwule denkt

17/08/2018

Erkennt man Schwule allein an ihrem Äußeren? Daran, wie sie sich bewegen, kleiden und sprechen? Ein österreichischer Beamter meint das zu können und bescheinigt einem jungen afghanischen Flüchtling, dass er nicht schwul ist. Der Fall zeigt, wie wenig sich die Gesellschaft noch immer mit Homosexuellen auseinandersetzt und vor allem in Klischees über Schwule denkt.

Warum die Gesellschaft vor allem in Klischees über Schwule denkt

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Erkennt man Schwule allein an ihrem Äußeren? Daran, wie sie sich bewegen, kleiden und sprechen? Ein österreichischer Beamter meint das zu können und bescheinigt einem jungen afghanischen Flüchtling, dass er nicht schwul ist. Der Fall zeigt, wie wenig sich die Gesellschaft noch immer mit Homosexuellen auseinandersetzt und vor allem in Klischees über Schwule denkt.

Was ist passiert?

Ein afghanischer Flüchtling hat in Österreich Asyl beantragt mit der Begründung, dass er aufgrund seiner Homosexualität in seinem Heimatland politisch verfolgt wird. Das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl hat erst mal versucht zu ermitteln, ob der Mann überhaupt homosexuell ist – und sich dabei von einem Schwulen-Klischee zum anderen gehangelt.

So heißt es in dem Asylbescheid laut der Wiener Wochenzeitung „Falter“ unter anderem: „Weder Ihr Gang, Ihr Gehabe oder Ihre Bekleidung haben auch nur annähernd darauf hingedeutet, dass Sie homosexuell sein könnten“.
Außerdem seien Schwule gesellige Menschen, die mehr als nur ein paar Freunde haben, und sie neigen auch nicht zu Gewalt und sonstigen Aggressionen.

Abgesehen von den Folgen, die diese Begründung für den asylsuchenden Afghanen hat, zeigt die ganze Geschichte doch sehr deutlich, dass Homosexualität trotz „Ehe für alle“ und fast vollständiger rechtlicher Gleichstellung noch immer nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Zwar haben die allermeisten inzwischen erkannt, dass Homosexualität nichts Böses ist und Schwule und Lesben irgendwie zur Gesellschaft dazugehören, doch sie setzen sich nicht nicht näher damit auseinander. Würden sie dies tun, wüssten sie, dass es nicht DIE Schwulen oder DIE Lesben gibt. Die Schwulen, die sie kennen, sind vielleicht Ross Anthony, Bruce Darnell oder Hape Kerkeling, die harmlosen, netten, lustigen, mehr oder weniger femininen Schwiegermutter-Lieblinge von nebenan, die der Sachbearbeiter aus Österreich vielleicht vor Augen hatte, als er den Fall prüfte. Aber – wer hätte das gedacht – so sind natürlich nicht alle.

Nicht jeder Schwule interessiert sich für Mode und hört Lady Gaga. Nicht jeder Schwule ist extrovertiert oder kocht gerne. Nicht jeder – ich würde fast sagen: die wenigsten – erfüllen das Klischee eines schwulen Mannes. Lesbische Frauen natürlich ebenso wenig.

Viele Heterosexuelle, egal ob Mann oder Frau, haben das inzwischen erkannt. Und trotzdem tappen sie in die nächste Klischee-Falle, denn es gibt eine Sache, die wir selbst von Menschen hören, von denen wir es nie erwarten würden:

Die Sache mit der Rollenverteilung!

Viele scheinen davon auszugehen, dass in gleichgeschlechtlichen Beziehungen einer die Rolle des Mannes und der/die andere die Rolle der Frau einnimmt.

Dabei geht es nicht um Vorlieben im Bett, sondern um geschlechtsspezifische Klischees. Einer von beiden wird als eher maskulin und der andere als eher feminin betrachtet. Und selbst wenn beide sehr maskulin oder feminin sind, ist der/die eine doch ein bisschen männlicher und daher der Mann in der Beziehung.

Aber was bedeutet das überhaupt? Was ist heutzutage noch männlich? Wenn man Fußball, Bier und Autos mag? Ich zum Beispiel mag das alles, Frank eher nicht so. Gleichzeitig bin ich von uns beiden der deutlich sensiblere und emotionalere Mensch.

Zudem stellt sich die Frage, was denn überhaupt feminine Eigenschaften sind, denn wenn man mal ehrlich ist, dann versuchen die Leute doch das Paar in ein stärkeres und ein schwächeres Glied einzuteilen – mit dem femininen Part als das schwächere Glied. Dass diese Vorstellung mehr als nur überaltert ist, muss ich glaube ich nicht erwähnen.

Eine gleichgeschlechtliche Beziehung besteht aus zwei Männern oder zwei Frauen!

Jeder, der etwas anderes behauptet, weiß es entweder nicht besser oder sagt es, um bewusst zu verletzen.

Viele können gar nicht nachvollziehen, wie verletzend und belastend es sein kann, allein auf Grundlage von Klischees beurteilt zu werden, selbst wenn es überhaupt nicht negativ gemeint ist.

Menschen denken einfach gerne in Schubladen. Das ist bequem, die komplizierte Welt lässt sich so ohne großes Nachdenken einfach erklären. Und dieses Klischee-Denken wird ja leider auch bedient, denn die, die am lautesten schreien, prägen auch das Bild.

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass auch andere sich bemerkbar machen. Die Gruppe der LGBTs muss in ihrer ganzen Diversität sichtbar werden – von den schrillen Harald Glööcklers bis zu Menschen, die nicht auf dem ersten Blick als „anders“ auffallen.

Dann hat der Rest der Gesellschaft vielleicht mal einen Anlass, etwas intensiver nachzudenken und irgendwann wird dann auch der letzte österreichische Beamte die Homosexualität eines Asylsuchenden nicht mehr an seinem Gang und Gehabe beurteilen.


Why does society think about gays in stereotypes?

Do you recognize gays only by their appearance? The way they move, dress and talk? An Austrian officer thinks he can and certifies to a young Afghan refugee that he is not gay. The case shows how little society still deals with homosexuals.

What has happened?
An Afghan refugee has applied for asylum in Austria declaring that he is being persecuted for his homosexuality in his homeland. The Federal Office for Asylum tried to determine whether the man is gay or not – using one gay cliché after another.

The asylum decision paper says, among other things: „Neither your gait, your posturing or your clothing even hinted at anything that you could be homosexual“.

It also says that gays are sociable people who have more than a few friends and they also do not tend to violence and other aggression.

Apart from the consequences of this paper for the asylum-seeking Afghan, the whole story shows very clearly that despite „marriage for all“ and almost complete legal equality of homosexuals in western countries, homosexuality has still not reached the center of society.

Although most people have realized that homosexuality is not evil and that gays and lesbians are somehow a part of society, they do not deal with it in any detail. If they did, they would know that there are not THE gays or THE lesbians. The gays you know may be Neil Patrick Harris or Ellen DeGeneres, the harmless, nice mother-in-law darlings, whom the Austrian clerk might have had in mind when considering the case. But – who would have thought that – of course not all homosexuals are like them.

Not every gay man is interested in fashion and Lady Gaga. Not every gay is extroverted or likes to cook. Not everyone – I would almost say: very few – fulfill the stereotype of gays.

Many heterosexuals, whether men or women, have recognized this. And yet they fall into the next cliché trap, because there is one thing that we hear even from people we would never expect: The matter of the role distribution!

Many seem to assume that in same-sex relationships, one has to be the man and the other the woman.

It is not about preferences in bed, but about gender stereotypes. One is considered to be more masculine and the other more feminine. And even if both are very masculine or feminine, the one who is a little more masculine than the other has to be the man in the relationship.

But what does that mean? What is masculine? If you like football, beer and cars? I for my part like that all, but Frank doesn’t. However, I am the much more sensitive and emotional. So who is the man and who is the woman?

Anyway, you have to ask yourself, what are even feminine characteristics, because if you are honest, people try to divide the couple into a stronger and a weaker person – with the feminine part as the weaker one. Everyone should know that this thinking is obsolete, so I do not think I have to mention it.

A same-sex relationship consists of two men or two women!

Anyone who claims otherwise either does not know better or says it to deliberately hurt.

Many can not understand how hurtful and distressing it can be to be judged on the basis of stereotypes, even if it is not meant to be negative at all.

People like to think in stereotypes. That makes it easy to explain the complicated world without thinking much about it.

That is why the LGBTs has to be visible in all its diversity – from the craziest drag queen to people who do not seem to be „different“.

The rest of the society may have a reason to think a little more intensively and eventually the next Austrian official will no longer judge the homosexuality of a refugee by his gait and posturing.

Illustrationen: Ronja Keifer

1 Comment

  • Mai
    1 Monat ago

    Hi! Ich bin über den Teil hier etwas gestolpert: „Eine gleichgeschlechtliche Beziehung besteht aus zwei Männern oder zwei Frauen! Jeder, der etwas anderes behauptet, weiß es entweder nicht besser oder sagt es, um bewusst zu verletzen.“ Ich gebe ehrlich zu, ja, ich denke in Stereotypen. Könntest du vielleicht diesen Teil näher erläutern? Ich meine, ihn zu verstehen, aber so richtig dann doch nicht (sonst wäre ich nicht darüber gestolpert).
    Ich würde mich aber generell freuen, wenn dieses Thema immer wieder auf eurem Blog aufkommt. Ja, wir denken in Stereotypen. Aber welche Stereotypen sind es, wo müssen wir unsere Augen aufmachen? Oft merken Menschen ja nicht mal, dass sie unglaublich krass in die Schubladen greifen – ich wäre dankbar, ein paar konkrete Beispiele und Erläuterungen zu bekommen 🙂 Lieben Dank und Grüße!

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