Warum sind so viele schwule Millennials Single?

22/04/2018

Wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umschaue, dann fällt mir auf, wie wenig Freunde in einer Beziehung sind. Es ist zu einfach, Apps wie Tinder und Grindr oder das Online-Dating insgesamt dafür verantwortlich zu machen. Es ist das Problem einer ganzen Generation, egal ob schwul oder nicht.

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Warum sind so viele
schwule Millennials Single?

Philipp
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Frank
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Sind es wirklich die Apps, die schuld daran sind, dass keine Beziehungen entstehen? Ganz klar geht es bei Grindr und Tinder um Oberflächlichkeiten. Das Gesicht, das Lächeln, der Körper, die Größe. Aber ist es so im wahren Leben nicht auch?

Der Unterschied ist allerdings, dass man zum einen die Ansprüche an das Äußere höher setzt, da man direkt daneben das Gesicht oder die Körperteile eines anderen Typen zum Vergleich hat und online ja sowieso selbstbewusster ist als im realen Leben. Zum anderen gibt man dem Gegenüber weniger oder gar keine Zeit, sich ausführlich mit ihm auseinanderzusetzen.

Die Zeit ist das Problem und zwar auf zwei Ebenen. Einerseits haben Millennials alle Zeit der Welt, einen Partner kennenzulernen, andererseits haben sie keine Zeit, sich mit auf dem ersten Blick ungeeigneten Partnern auseinanderzusetzen.

Die Millennials sind geprägt vom Druck, möglichst schnell professionell erfolgreich zu sein. Im Vergleich zu anderen Generationen ein Jahr weniger Zeit bis zum Abi, das Studium dank Umstellung auf Bachelor und Master im Eiltempo durchlaufen und mit Mitte 20 am besten schon fünf Jahre Berufserfahrung. Der Fokus liegt eindeutig auf der beruflichen Seite, das Privatleben hat sich dem unterzuordnen.

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Freunde oder ehemalige Klassenkameraden, die mit Anfang 20 oder gar mit 18 ihre Jugendliebe heiraten und sich ein Eigenheim in der Heimatstadt kaufen, bekommen den Stempel des Langweilers aufgedrückt, der nichts aus den Möglichkeiten macht, die ihm die moderne, vernetzte Welt bietet. Und ja, Beziehungen haben starken Einfluss auf die grundlegenden Entscheidungen des Lebens. In welcher Stadt studiere ich? Soll ich wirklich 9 Monate Praktikum im Ausland machen, wenn mein Partner allein daheim sitzt? Wo suche ich nach Jobs, denn mein Partner sollte ja möglichst auch einen Job in der Stadt finden! Und was, wenn ich mich extra nach ihm richte und wir uns am Ende doch trennen?

Obwohl wir heute sehr früh ins Berufsleben geworfen werden, scheinen wir uns immer später erwachsen zu fühlen (30 ist das neue 20 usw). Während man früher mit Ende 20 von lauter verheirateten Pärchen mit Kindern umgeben war und verzweifelt den Nächstbesten genommen und sich mit ihm arrangiert hat (überspitzt gesagt), gilt dieses Verfallsdatum heute nicht mehr. Das hat den Effekt, dass wir glauben, noch ewig Zeit zu haben, um den perfekten Partner zu finden.

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Perfekt ist das richtige Stichwort. Wer nicht perfekt zu einem passt, wird schnell abgeschossen. Ich habe das in meinem engsten Umfeld erlebt.

Da hieß es dann „Ich will einen, der mich genau so nimmt wie ich bin!“ Man will sich nicht verändern oder verbiegen lassen, da man ja noch genug Zeit hat, den einen zu finden, der perfekt zu einem passt. Das ist verständlich, schließlich soll niemand eine unglückliche Beziehung führen, in der er nicht der sein kann, der er ist. Aber Veränderung per se ist ja nichts schlechtes. Es kann einen als Menschen auch weiterbringen und ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Hätten Frank und ich zu Beginn unserer Beziehung so gedacht, wäre wir heute mit Sicherheit nicht mehr zusammen.

Ich habe weiter oben die Apps erwähnt. Sie haben auch noch einen anderen Einfluss auf das Liebesleben der Millennials. Social Media Plattformen wie Instagram sind zu Dating-Plattformen geworden – Da verirrt sich dann auch das ein oder andere DickPick in die Direct Messages. Man sieht dort zwar mehr als nur das eine obligatorische Bild von Grindr. Man scheint den anderen allein vom Betrachten des Profils zu kennen, doch Instagram ist immer nur eine beschönigte Version des eigenen Lebens. Man lernt nur den Teil der Person kennen, den sie öffentlich zeigen will. Trifft man sich dann im wahren Leben und lernt den anderen näher kennen, ist oft die Enttäuschung groß, da man einen anderen Menschen erwartet hat.

Zudem erleben wir selbst hautnah, wie stark vernetzt die Schwulen dank Social Media geworden sind. Jeder kennt jeden. Und jeder kennt mindestens einen, der schon mal etwas mit dem anderen hatte. Oder man hatte selbst schon was mit ihm. Pikante Details über Penisgrößen und -fotos werden herumposaunt, ein Ruf verbreitet sich rasend schnell und man wird ihn nur schwer wieder los.

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Photography: Eileen Jordan

Das ist von außen betrachtet zwar amüsant, allerdings ist es mit ein Grund dafür, dass so wenige Beziehungen zustande kommen bzw. halten. Man hat ein Bild vom Gegenüber im Kopf, das nicht stimmt oder nicht mehr stimmt, weil der Mensch sich weiterentwickelt hat. Es fällt einem schwerer, sich zu öffnen, da die Gefahr besteht, dass das im Falle einer Trennung gleich die ganze Szene erfährt. Zudem gibt es nur wenige Menschen, die ein absolut unbeschriebenes Blatt sind und die man unvoreingenommen kennenlernen kann.

Frank und ich sind, glaube ich, solche unbeschriebenen Blätter. Wir sind zusammengekommen, bevor Instagram groß wurde. Jeder kennt uns nur als Pärchen und wir sind ehrlich froh, dass es so ist. Wir können das alles aus einer gewissen Distanz betrachten, was aber auch heißt, dass wir nicht wirklich drin sind.

Daher fragen wir euch, wie ihr das seht! Liegen wir richtig mit unserer Einschätzung? Was meint ihr dazu?


Why are so many gay Millennials single?

When I look around my circle of friends, I realize how few friends are in a relationship. It’s too easy to blame apps like Tinder and Grindr, or online dating as a whole, it’s the problem of a whole generation, whether gay or not.

Is it really the apps that are responsible for the absence of relationships? Obviously, Grindr and Tinder are super superficial. The face, the smile, the body, the size. But isn’t it the same in real life? The difference, however, is that on the one hand the demands on the appearance are higher, because you directly have the face or the body parts of another guy for comparison and anyway you are much more self-confident online than in real life. On the other hand, you give your counterpart less or no time to deal with it in detail.

Time is the problem on two levels. On the one hand, millennials have all the time in the world to meet a partner, on the other hand, they have no time to deal with at first sight unsuitable partners.

The millennials are characterized by the pressure to be professionally successful as quickly as possible. Compared to other generations they have a year less time to highschool graduation, they undergo their study in a hurry thanks to conversion to bachelor and master and they are even expected to have a five-year work experience in their mid-20s. The focus is clearly on the professional side, the private life has to subordinate to this.

Friends or former classmates who marry their childhood sweetheart at the age of 20 or even 18 and buy a home in their hometown get marked as bores who do not care about the possibilities offered by the modern, networked world. And yes, relationships have a strong impact on the basic choices of life. In which city do I study? Should I really do a 9 months internship abroad, when my partner is alone at home? Where do I search for jobs, because my partner should also find a job in the same city if possible! And what if I focus on him and we separate in the end?

Although we are pushed into working life very early nowadays, we seem to grow up later (30 is the new 20!). Whereas being in their late 20s in former times you were surrounded by married couples with kids and desperately took the next best and arranged with him (which I mean, of course), this expiration date is no longer valid today. This has the effect of believing that we still have time to find the perfect partner.

Perfect is the right keyword. The other one has to fit perfectly to be your partner. If he doesn’t, the relationship will be over soon. I have experienced this in my closest surroundings.

They said: „I want one who takes me as exactly as I am!“ You do not want to change or bend, because you still have enough time to find the one that fits perfectly with you. I can understand that, after all, no one should lead an unhappy relationship in which he cannot be who he is. But change per se is nothing bad. It can also help you as a human being and open up completely new possibilities. If Frank and I had thought like this at the beginning of our relationship, we would certainly not be a couple today.

I mentioned the apps above. They also have another influence on love life of the millennials. Social media platforms such as Instagram have become dating sites – with the effect that one or the other dick pick gets lost in the direct messages. Although there is more to it than just a compulsory image of Grindr, you seem to know the other guy only by looking at his profile, but Instagram is always just a bland version of one’s own life. You only get to know the part of the person that he to show publicly. If you meet in real life and get to know each other better, the disappointment is often great, because you may have expected another person.

In addition, we experience first-hand how closely connected gays have become thanks to social media. Everyone knows everyone. And everyone knows at least one person who has hooked up with the other one. Or it’s you who has already hooked up with him. Nasty details about dick sizes and pics are known by everyone. Reputations are spread fast and are difficult to get rid of it.

This is amusing from the outside, but it is one of the reasons why so few relationships come about. You have a picture of your counterpart in your mind that is wrong or not true any more, because he has evolved. It is harder to open oneself as there is the risk that in in case of separation the whole scene knows about it. In addition, there are only a few people who are a completely blank sheet and who you can get to know unbiased.

Frank and I, I believe, are such blank sheet. We came together before Instagram has become so successful. Everyone knows us as a couple and we are honestly glad that it is like this. We can look at everything from a certain distance, but that also means that we are really in it.

So we ask you how you see that! Are we right with our perception? What do you think?

5 Comments

  • 4 Wochen ago

    I think that there’s also the factor of quantity through technology – we appear to have so many more options than before apps that it makes deciding difficult. You guys are lucky to have met before it all! Not everyone has that luxury anymore.

  • 4 Wochen ago

    Ich kann nur aus der weiblichen Perspektive sprechen und denke, dass es in der heutigen Zeit eine andere Notwendigkeit der Partnerschaft gibt. Während man früher als Frau auf unterschiedlichen Ebenen auf eine Partnerschaft angewiesen war, ist es heutzutage möglich als alleinstehende Frau zu leben – oder sogar als alleinerziehende Mutter.
    Die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung sind heute für Frauen nicht zwingend mit Kindergebären verbunden und eine Beziehung hat nun einen anderen Stellenwert. (Wie im Artikel formuliert wurde)

    Für mich persönlich ist eine Beziehung nur optional und ich habe keine Angst vor dem Alleinsein. Mit liebenden Freunden, die einen unterstützen und den Rücken stärken, entdeckt man, dass Zweisamkeit nur eine von vielen Freuden im Leben ist. Aus diesem Grund haben sich auch einige Freunde im Umfeld bewusst für das Single-Dasein entschieden.

  • Sevim
    4 Wochen ago

    ich gebe dir/euch absolut recht.
    das problem in der heutigen Zeit ist es auch dass viele schnell ersetzbar sind. Bekommt man von der einen nicht das was man erwartet dann gleich tschüss gesagt und man scrollt weiter und schreibt der nächsten wie z.b. auf tinder etc dank den Social Media hat man gar keine realistische Vorstellung mehr von einer Beziehung sondern man will mehr Fotos posten und noch schönere Partner kennenlernen und noch mehr reisen z.b. um dies alles auf Social Media zu teilen. Aber eine gute Beziehung macht das auch aus kein Geld zu haben und nur trockenes Brot mit Käse zu essen Punkt das schätzen viele heute selbst nicht mehr

  • 4 Wochen ago

    Toller Text BTW!
    Ich glaube auch, dass die Menschen eher Faul geworden sind Arbeit in eine Beziehung zu stecken. Weil, wie du schon sagst, muss man in einer Beziehung kompromissbereit sein und ich denke, da sind einige heutzutage einfach zu egoistisch. Sie sind zwar fast alle auf der Suche nach der großen Liebe, aber sind nicht bereit dazu auch mal Zeit, viel Arbeit und Energie zu investieren. Wenn es schwierig wird, dann trennt man sich, denn es ist so einfach (durch die Apps) jemanden neues kennenzulernen.

    Passend zum Thema ist übrigens der Film NEWNESS auf Netflix, der diese Problematik aufgreift.

    x
    Storm

  • Trang
    3 Wochen ago

    Ich gebe dir da vollkommen Recht! Nicht nur der berufliche Erfolg geht vor, sondern auch das eigene Selbstbefinden: „Ich muss zu erst mit mir selbst klarkommen, um mich in eine Beziehung einzulassen.“ Das ist nicht nur eine Ausrede oder ein Gedanke, sondern regelrecht ein stagnierender Zustand geworden. Und diesen Zustand schiebt man Wochen, Monate, Jahre vor sich her, ohne sich damit auseinanderzusetzen. Einmal, zweimal, dreimal als Ausrede benutzt, nach dem „aus“ fühlt man sich wieder alleine, zückt das Handy und das fröhliche Swipen fängt von vorne an.

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