Sharing Economy: Wie sozial ist Teilen in unserer Generation?

06/05/2018

Carsharing, AirBnB, und Instagram: Wir teilen Autos, Wohnungen und Geschichten. In keiner anderen Generation wurde je so viel mit anderen ausgetauscht wie bei den Millennials. Doch warum teilt gerade unsere Generation so gerne und ist diese Art des Teilens überhaupt noch sozial? Wir begeben uns auf eine soziologische Reise durch das Geben und Nehmen.

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Sharing Economy

Wie sozial ist Teilen in unserer Generation?

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Die Fähigkeit zu teilen liegt als universelle DNA in unserer Natur. Doch wirft man einen Blick in die Vergangenheit, so wird schnell deutlich, dass das Teilen privater Besitztümer alles andere als der gesellschaftlichen Norm entsprach. Wer Ende der 60er Jahre auf die Idee kam, mit Freunden eine Wohnung zu teilen, der galt als linksgerichteter Rebell so wie die studentischen Bewohner der Kommune 1 in Berlin. Gemeinsam kochen, Vino trinken und ein bisschen Geld sparen? Von wegen: Deutschlands wohl bekannteste WG stand für politische Ideale ein, richtete sich gegen das bestehende System und propagierte die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Wohnraum teilen hatte bis in die 80er hinein vor allem eine politische Dimension des Protests.

Wer sich heute dafür entscheidet, seine Wohnung mit Mitbewohnern zu teilen, der ist wohl kaum auf politischer Sinnsuche oder rebelliert gegen Staat und Gesellschaft. Wir wollen weniger allein sein, suchen eine Ersatzfamilie. Das ist zwar sozial, aber eben auch günstig. Statussymbole vorheriger Generationen wie ein Auto oder eine eigene Wohnung können wir uns nur selten leisten. Auch wenn wir im Urlaub sind, bleibt unser Zimmer meistens nicht ungenutzt. Über Sharing-Plattformen wie AirBnB teilen wir unser Zuhause mit anderen. Ein gemeinnütziges Konzept; wäre da nicht der monetäre Anreiz, der uns lockt.

Denn wer teilt, der bekommt meistens mehr, das belegen auch die Spieltheorie-Versuche von Wirtschaftswissenschaftlern wie Ernst Fehr. Doch wenn diese neue Art zu teilen am Ende lukrativ ist, lässt sich Teilen dann überhaupt noch als sozialer Ressourcenaustausch definieren? Publizistin Rachel Botsman spricht in diesem Zusammenhang von einer Kapitalisierung von Eigentum, das „dem Wirtschaftskreislauf bisher entzogen war.“ Sind wir also lediglich eine Generation von Privatkapitalisten, die Hab und Gut vermarkten?

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Auch nachhaltige Ideen wie Carsharing tragen weniger zur Verringerung unseres ökologischen Fußabdruckes bei als bisher gedacht. Tatsächlich wird Carsharing hauptsächlich auf solchen Strecken genutzt, die wir ohnehin mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar zu Fuß zurücklegen würden. Auch hier wird vermarktet, was vorher nicht Teil des Wirtschaftskreislaufes war. Tatsache ist außerdem, dass hinter dieser durchaus ressourcenschonenden und sozialen Grundidee des Carsharings zumeist große Firmen stecken wie Daimler oder BMW, die sich hier ganz lukrativ neue Märkte eröffnen. Andere Sharing-Plattformen wie Uber oder AirBnB verleiben sich ganze 20% an Marge ein – und das lediglich dafür, dass sie Nachfrage und Angebot zusammengebracht haben. Eine Situation, die der Dienstleistungsberater Stefan Weigele als „alles andere als sozial und nachhaltig“ beschreibt. Noch konkreter wird Historikerin Luise Tremel in der „Zeit“ und fasst damit die sozialen Problematiken des heutigen „Teilens“ treffend zusammen: „Sankt Martin hat geteilt- und der hat auch nicht seinen Mantel, als er ihn nicht brauchte, stundenweise vermietet.“

Trotz ihrer sozialen Fragwürdigkeit helfen uns Beispiele wie AirBnB oder Car2go zu verstehen, warum diese neue Art der Ressourcenteilung gerade in unserer Generation so viel Anklang findet.

Geboren zwischen 1980 und 2000 zählen wir Millennials zu den Digital Natives, die mit dem Internet und dessen Möglichkeiten aufgewachsen sind. Das Internet hat uns von klein auf gelehrt: Wenn man Wissen teilt, vermehrt es sich. Teilen gehört für unsere Generation ganz einfach zum Lebensstil. Wie selbstverständlich teilen wir unser Leben tagtäglich mit Freunden und Nutzern sozialer Netzwerke. Gerade hier vermengen sich die Motivationen zwischen sozialer Interaktion und Eigenvermarktung. Viel wichtiger ist jedoch: Das Internet initiiert und vereinfacht den Zugang zu Ressourcen wie WG-Zimmer und Co. und macht ein „Teilen“ in diesem wirtschaftlich genutzten Umfang überhaupt erst möglich.

Doch es gibt noch etwas, das unser Leben als Millennials definiert und unseren Hang zum Teilen erklärt: Schnelllebigkeit. Mehr als alle anderen Generationen vor uns leben wir in einer sich rasant wandelnden Gesellschaft. Sicherheit ist für uns oft ein Fremdwort. Wir reisen viel: City-Trips nach Barcelona, Lissabon und London – ein Wochenende mit AirBnB. Arbeitsverträge sind oftmals befristet, unsere Zukunft? Ungewiss. Wozu ein Auto besitzen, wenn viele von uns in Großstädten leben. Wir haben ein Semesterticket und das Rennrad als neues Statussymbol. Wir waren Zeuge einer großen Wirtschaftskrise, wir wissen, wie schnell sich alles ändern kann. Besitz passt nicht zu unserem Lebensgefühl. Unser Geld geben wir für Erlebnisse aus, Flexibilität ist unser Leitspruch, egal ob im Job als Freelancer, in der Beziehung oder eben im Konsumverhalten. „Der Zugang zu Dingen und Diensten ist den Millennials wichtiger als der Besitz“ so Benedikt Plass-Fließenkämper im „Wired“ Magazin. Wir kaufen keine DVDs mehr, sondern streamen über Netflix, kurz: wir mieten lieber und um zu mieten, muss Besitz nun mal geteilt werden. Daraus entsteht dann mitunter ein lukratives Geschäftsmodell: Die Sharing Economy.

Was lehrt uns dieses Teilen also über uns selbst? Macht uns die Sharing Economy zu einer Generation von Profit-orientierten Egoisten, die ihr Privatleben so gut es geht vermarkten?

Fakt ist, dass der Sharing-Boom und der daraus erwachsene Wirtschaftszweig einige Probleme mit sich bringt, die nichts mit sozialem Reichtum für jedermann zu tun haben. Entpolitisierte, unökologische Nieten sind wir deshalb trotzdem nicht. Keine Generation vor uns war so stark vernetzt, konnte so viele Möglichkeiten nutzen, um Probleme gemeinsam anzupacken und Ideen für eine bessere Zukunft zu teilen. Sharing Initiativen wie Couchsurfing, Nachbarschaftsnetzwerke und Foodsharing zeigen, wie es möglich ist, durch Teilen ganz verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu mehr menschlicher Begegnung, sozialem Miteinander und mehr Nachhaltigkeit zu verhelfen.

Es liegt also an uns, wie sozial Teilen werden kann.


Sharing Economy: How social is sharing in our generation?

Carsharing, AirBnB, and Instagram: we share cars, apartments and stories. In no other generation so much has ever been exchanged with others as the Millennials. But why does our generation share so much and is this kind of sharing social at all? We embark on a sociological journey through giving and taking.

The ability to share lies as a universal DNA in our nature. But looking back into the past, it quickly becomes clear that sharing private possessions was anything but social norm. At the end of the 1960s, anyone who came up with the idea of ​​sharing an apartment with friends was considered a leftist rebel, as were the student residents of Kommune 1 in Berlin. Cooking together, drinking wine and saving a bit of money? No way! Germany’s most well-known flat sharing community stood for political ideals, directed against the existing system and propagated the equality between men and women. Sharing housing had, above all, a political dimension of the protest until the 1980s.

Anyone who today decides to share his flat with roommates, is hardly on political search for meaning or rebels against state and society. We want to be less alone, look for a substitute family. That is social, but also cheap. Status symbols of previous generations such as car or one’s own home can only rarely be afforded. Even when we are on vacation, our room usually doesn’t remain unused: sharing platforms like AirBnB let us share our home with others. A charitable concept if there were not the monetary incentive that attracts us. Because who shares, usually gets more, that also prove the game theory experiments of economists such as Ernst Fehr. But if this new way of sharing is ultimately lucrative, sharing can then be defined as a social exchange of resources? Publicist Rachel Botsman speaks in this context of a capitalization of property that was „deprived of the economic cycle so far.“ So are we just a generation of private capitalists who market their belongings?

Even sustainable ideas such as car sharing contribute less to the reduction of our ecological footprint than thought previously. In fact, car sharing is mainly used on routes that we would anyway travel by public transport or even on foot. Here, too, is marketed which was not previously part of the economic cycle. It is also a fact that behind this resource-saving and social basic idea of ​​carsharing there are usually large companies such as Mercedes or BMW, which open up new markets quite lucratively. Other sharing platforms such as Uber or AirBnB are getting a 20% ​​margin – just for bringing together demand and supply. A situation that service advisor Stefan Weigele describes as „anything but social and sustainable“. Even more concrete is historian Luise Tremel in the newspaper „Zeit“ by summarizing the social problems of today’s „sharing“ aptly: „Saint Martin did share – but he did not lend his coat by the hour, when he did not need it.“

Despite its social dubiousness, examples such as AirBnB or Car2go help us to understand why this new kind of resource sharing is so well received, especially in our generation.

Born between 1980 and 2000, we millennials are among the digital natives who have grow up with the Internet and its possibilities. The Internet has taught us from an early age: if you share knowledge, it multiplies. Sharing is simply part of our lifestyle for our generation. As a matter of course, we share our lives with friends and users of social networks on a daily basis. This is where the motivations between social interaction and self-marketing mingle. Much more importantly, however, the Internet initiates and simplifies access to resources such as shared rooms and the like and makes „sharing“ in this economically used scope possible in the first place.

But there is one more thing that defines our lives as millennials and explains our propensity to sharing: fast pace. More than any other generation before us, we live in a rapidly changing society. Safety is often a foreign word for us. We travel a lot: city trips to Barcelona, ​​Lisbon and London – a weekend with AirBnB. Employment contracts are often temporary. And what about our future? It’s uncertain. Why to own a car when many of us live in big cities. We have a semester ticket and the racing bike as a new status symbol. We have witnessed a major economic crisis, so we know how fast everything can change. Property does not go with our attitude to life. We spend our money on experiences, flexibility is our motto, whether in the job as a freelancer, in relationship or even in consumer behavior. „Access to things and services is more important for Millennials than ownership,“ says Benedikt Plass-Fließenkämper in the magazine „Wired“. We do not buy DVDs anymore, but stream via Netflix, in short: we prefer to rent, and in order to rent, ownership must be shared. This sometimes creates a lucrative business model: the sharing economy.

So what does this sharing teach about us? Does sharing economy turn us into a generation of profit-driven egoists who market their privacy as best they can? The fact is that the sharing boom and the resulting industry are causing some problems that have nothing to do with social wealth for everyone. Nevertheless, we are not de-politicized, unecological rivets. No generation before us was so interconnected, had so many ways to tackle issues together and share ideas for a better future. Sharing initiatives such as couchsurfing, neighborhood networking and food sharing show how it is possible to help very different populations get together, socialize and be more sustainable by sharing.

So it’s up to us how social sharing can be.

Text: Lena von Zabern

1 Comment

  • 3 Monaten ago

    It’s fascinating how even in different countries our age range experiences so many similarities. Great perspective on this!

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