Klimawandel ist die größte Bedrohung für uns und unseren Planeten. Warum es gerade jetzt so wichtig ist, an Veränderung zu glauben.

“Unser Haus brennt”. Drei Worte mit großer Wirkung. Als Greta Thunberg Anfang des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Wirtschaftseliten und Spitzenpolitiker in die Verantwortung nahm, war die mediale Aufmerksamkeit groß. Eine 16-Jährige Schülerin, die das politische Versagen in Punkto Klimakrise anprangerte und unmissverständlich deutlich machte, was die Wissenschaft seit über 30 Jahren fordert: “Wir müssen den Ausstoß von Treibhausgasen stoppen.” Seitdem streiken Schülerinnen und Schüler, Studenten, aber auch Wissenschaftler, Lehrer und Eltern unter dem Motto “Fridays for Future” weltweit für mehr Klimaschutz.

Yes we can?

Kann Fridays for Future wirklich etwas verändern?

Klimawandel ist die größte Bedrohung für uns und unseren Planeten.
Warum es gerade jetzt so wichtig ist, an Veränderung zu glauben.

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Wirklich verändern wird sich dadurch aber nichts, sagen Kritiker. Aber stimmt das?

Klimawandel ist ein hochkomplexes Thema und vor allem eines, dessen Abstraktheit Probleme mit sich bringt. Trotz Hitzesommer und schmelzenden Polkappen scheint die globale Erderwärmung für viele ein Problem zu sein, das nur schwer greifbar ist. Eine undefinierte Bedrohung, die uns irgendwann in ferner Zukunft betrifft – wenn überhaupt. Diese Wahrnehmung der Klimakrise nennen Forscher wie Howard Kunreuther “Myopie”, oder treffenderweise “Kurzsichtigkeit”. Wie blinde Maulwürfe, neigt der Mensch dazu, lediglich auf das zu reagieren, was unmittelbar vor ihm liegt. Probleme, deren Konsequenzen sich erst in der Zukunft entfalten, landen dabei oft auf der politischen Reservebank. Diese Art von Denken ist eine mögliche Erklärung dafür, warum Wirtschaftseliten und Politik sich noch immer auf kurzfristige Gewinne stürzen, anstatt über die Folgen unseres aktuellen Wirtschaftssystems nachzudenken.

“Fridays for Future” kommt daher wichtige Bedeutung zu. Die viel zitierten “Klimakinder” zeigen auf, dass der Klimawandel ein Problem ist, von dessen Folgen vor allem die Jüngsten in unserer Gesellschaft betroffen sind. Kinder sind mit 30% die größte Bevölkerungsgruppe unserer Erde und gleichzeitig jene, deren Leben am signifikantesten von den Folgen der globalen Erderwärmung beschnitten wird.

Doch wie sehen die Lösungen aus?

Das Licht ausschalten? Weniger Wasser verbrauchen? Mit dem Fahrrad fahren, anstatt mit dem Auto? Nicht mehr fliegen? Kein Fleisch mehr essen?All diese Dinge sind zweifelsohne wichtig und können wie letzteres zeigt allein aus tierethischer Perspektive mehr als nur das schlechte Gewissen beruhigen. Doch um den Klimawandel wirklich effektiv aufhalten zu können, bedarf es den Blick über den individuellen Tellerrand hinaus auf die Ebene systemischer Ursachen. Das bedeutet nicht, sich aus der individuellen Verantwortung zu stehlen, sondern zu erkennen, dass ein vielschichtiges Thema wie Klimawandel ganzheitliche Lösungsansätze fordert. Die irische Soziologin Sheila M. Cannon sagt, dass der Kapitalismus als unser derzeitiges Wirtschafts- und Gesellschaftssystem in den letzten 30 Jahren keine funktionierende Antwort auf die Klimakrise gefunden hat – und daher in seiner derzeitigen Form zunehmend an Legitimität verliert. Auch der deutsche Politologe Wolfgang Kraushaar resümiert im Interview mit Deutschlandfunk Kultur: “Ich bin der festen Überzeugung, dass es keine Lösung der Klimaproblematik geben wird, ohne die Ökonomie und vor allem die internationale Finanzaristokratie – Börsen und Banken usw. – grundlegend zu verändern. Solange man keine politischen Hebel zu entwickeln beginnt, um das zu verändern, solange wird es auch keine zufriedenstellende Lösung der Klimaproblematik geben”.

Doch wie ändert man ein System?

Genau diese Frage von Sysiphos anmutendem Kaliber ist der Knackpunkt, der viele in Untätigkeit verharren lässt. Wenn Klimawandel nur mit immensem persönlichem Verzicht und einer radikalen Änderung des aktuellen Gesellschaftssystems beizukommen ist, wie wahrscheinlich ist es, dass wir ihn stoppen können? Die Antwort ist jedoch überraschenderweise weit weniger komplex als die Frage selbst und hat sehr viel mit der Entstehung von Veränderung selbst zu tun.

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Systeme legitimieren sich durch unseren Glauben an ihre Daseinsberechtigung. Eine stille, unhinterfragte Akzeptanz dessen, was wir für gegeben betrachten. Fangen wir jedoch an, das Gegebene anzuzweifeln, entsteht Bewegung. Werfen wir zum besseren Verständnis einen Blick in die deutsche Vergangenheit und auf eine Thematik, deren Erfolg im politischen und gesellschaftlichen Mainstream lange Zeit genauso abwegig erschien, wie ein Ende des CO2 Ausstoßes: gleichgeschlechtliche Liebe. Homosexualität wurde in Deutschland erst 1994 entkriminalisiert. Sexuelle Handlungen zwischen Männern wurden als Verstoß gegen die gesellschaftliche Norm geahndet, ein Tabu, über welches gesellschaftlicher Konsens bestand. Im Zuge der 68er-Bewegung wurde dieser Konsens jedoch mehr und mehr in Frage gestellt. Demonstrationen wie jene kurz nach der Razzia in der New Yorker Schwulenbar “Stonewall Inn” in der Christopher Street machten auf die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe aufmerksam und Homosexualität Schritt für Schritt zum Teil des politischen und gesellschaftlichen Diskurses.

Das zeigt:
Eine Idee kann als Initialzündung dienen, um bestehende Gesellschaftsstrukturen zu verändern.

Diese Veränderungen, so Systemforscherin Connon, entstehen jedoch nicht über Nacht. Obwohl der deutsche Sexualforscher Karl Heinrich Ulrichs sich bereits 1867 dafür einsetzte, Homosexualität nicht als Verbrechen zu ahnden, dauerte es ganze 127 Jahre, bis besagter Paragraph aus dem deutschen Gesetzbuch gestrichen wurde und 23 weitere bis zum Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe 2017. Auch andere historische Bewegungen, wie die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, zeigen, dass Ideen, die das bestehende System herausfordern, zu Beginn oftmals als radikal oder illegitim eingestuft werden. Zu Veränderung führen sie jedoch, wie die Wissenschaft zeigt, trotzdem und vor Allem: unausweichlich.

Auch wenn ein Systemwandel hin zu einer klimaneutralen Lebensweise also auf den ersten Blick unmöglich erscheint: durch „Fridays for Future“ ist diese Idee bereits jetzt Gegenstand des gesellschaftlichen Diskurses geworden. Die öffentliche Debatte um die Klimakrise birgt so die Chance, dass jene auch Teil der politischen Agenda wird. Dass dies der Fall ist, zeigen bereits die deutschen Ergebnisse der Europawahl 2019. Immer mehr Menschen schließen sich auch auf politischer Ebene den Ideen unserer jüngsten Generation an. Um Veränderung zu verwirklichen, muss Wandel folglich zuerst einmal gedacht werden. Es mag kitschig klingen, aber allein der Glaube an die Möglichkeit und Machbarkeit von gesellschaftlichem, politischem und wirtschaftlichem Wandel kann den Prozess der Veränderung anstoßen. Genauso, wie es viele Generationen vor uns schon einmal erfolgreich getan haben.


Can Fridays for Future really make a change?

Climate change is the biggest threat to us and our planet. Here’s the reason why it is so important right now to believe in change.

“Our house is burning”. Three words with great effect. When Greta Thunberg demanded the economic elite and top politician at the World Economic Forum in Davos at the beginning of the year to take climate change seriously, media attention was high. A 16-year-old student who denounced the political failure in terms of the climate crisis and reminded them of what science has been saying for over 30 years: “We have to stop the emission of greenhouse gases.” Since then students, but also scientists, teachers and parents worldwide have been on strike for more climate protection under the motto “Fridays for Future”. Critics say, that this will not really change anything.

But is that true?

Climate change is a highly complex issue and above all one whose abstraction creates problems. Despite hot summer and melting ice caps, for many people the global warming seems to be a problem that is difficult to evaluate. An undefined threat that will affect us sometime in the distant future, if at all. Researchers like Howard Kunreuther call this perception of the climate crisis “myopia”. Like blind moles, people tend to respond only to what is directly ahead of them. Problems whose consequences unfold only in the future often end up on the political reserve bench. This kind of thinking is a possible explanation for why economic elites and politics are still rushing for short-term profits rather than thinking about the consequences of our current economic system.

That’s why “Fridays for Future” is important. The much-cited “climate children” point out that climate change is a problem whose consequences affect the youngest in our society. At 30%, children are the largest population group on earth, and at the same time those whose lifes are most significantly affected by the consequences of global warming. This not only makes climate change less abstract, but also puts it at the center of media attention as a long-term problem requiring lasting and comprehensive solutions.

But what do these solutions look like?
Turn off the light? Consume less water? Bicycling instead of driving? Do not fly anymore? No more meat to eat?

All these things are undoubtedly important and, like the latter, can even reassure more than the bad conscience from an animal ethical point of view. However, in order to be able to effectively stop climate change, we need to think outside the box at the level of systemic causes. This does not mean escaping from individual responsibility, but recognizing that a complex issue such as climate change requires holistic solutions.

Irish sociologist Sheila M. Cannon says that over the last 30 years, capitalism as our current economic and social system has not found a functioning response to the climate crisis – and in its current form it is increasingly losing legitimacy.

German political scientist Wolfgang Kraushaar also summarizes in an interview with a German radio station: “I am firmly convinced that there will be no solution to the climate problem without fundamentally changing the economy and, above all, the international financial aristocracy – stock exchanges, banks and so on. As long as one does not develop any political levers to change that, there will be no satisfactory solution to the climate problem.”

But how do you change a system?

If climate change can only be tackled with immense personal renunciation and a radical change in the current social system, how likely is it that we can stop it? Surprisingly, the answer is far less complex than the question itself, and has a great deal to do with the onset of change itself.

Systems legitimize themselves through our belief in their right to exist. A silent, unquestioned acceptance of what we take for granted. But if we begin to doubt the given, there is movement. For a better understanding, let’s take a look at the German past and a topic whose success in the political and social mainstream has for a long time been as devious as an end to CO2 emissions: same-sex love. Homosexuality was decriminalized in Germany only in 1994. Sexual acts between men were punished as a violation of the social norm, a taboo about which existed social consensus. In the course of the 1968 movement, however, this consensus was increasingly questioned. Demonstrations such as those shortly after the raid on the New York gay bar “Stonewall Inn” in Christopher Street drew attention to the acceptance of same-sex love and made homosexuality step by step part of the political and social discourse. This shows that an idea can serve as an initial spark to change existing social structures.

However, system researcher Connon says that these changes do not arise overnight. Although the German sex researcher Karl Heinrich Ulrichs already fought for not punishing homosexuality as a crime in 1867, it took 127 years, until the paragraph was deleted from the German law and 23 years more until the right for same-sex marriage in 2017. Even other historical movements, like the American Civil Rights Movement, show that ideas that challenge the existing system are often initially considered radical or illegitimate.

However, as science shows, they result in a change anyway and, above all, unavoidably.

Even if a system change towards a climate-neutral way of life seems impossible at first glance: with “Fridays for Future” this idea has already become the subject of social discourse. The public debate about the climate crisis thus holds the chance of becoming part of the political agenda. The fact that this is the case is already shown by the German results of the European elections in 2019. More and more people are joining the green ideas of our youngest generation on a political level. Therefore, to realize alteration, change must first be thought of. It may sound cheesy, but only the belief in the possibility and feasibility of social, political and economic change can trigger the process of change. Just as many generations have done successfully before us.

Text: Lena von Zabern

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